Jahresbericht des Wehrbeauftragten: Personalaufwuchs bleibt größte Herausforderung der Bundeswehr

Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Hennig Otte, sieht den personellen Ausbau der Streitkräfte weiterhin als entscheidenden Faktor für die Zukunftsfähigkeit der Bundeswehr. In seinem Jahresbericht 2025 verweist er neben der personellen Lage auch auf Defizite bei Material, Infrastruktur und Beschaffungsprozessen. Der Bericht wurde am Dienstag an Bundestagspräsidentin Julia Klöckner übergeben.

Die Bundeswehr steht nach Einschätzung des Wehrbeauftragten vor erheblichen strukturellen Aufgaben. Vor allem der Aufbau zusätzlicher Personalstärke gilt laut Hennig Otte als maßgebliche Voraussetzung, um die militärischen Fähigkeiten der Streitkräfte langfristig zu sichern. Sollte der seit Beginn des Jahres geltende Neue Wehrdienst, der weiterhin freiwillig organisiert ist, nicht genügend zusätzliche Soldatinnen und Soldaten gewinnen, hält Otte eine Rückkehr zur Wehrpflicht für einen möglichen nächsten Schritt.

Das im entsprechenden Gesetz formulierte Ziel, die Streitkräfte bis zum Jahr 2035 auf eine Stärke von 255.000 bis 270.000 Soldatinnen und Soldaten zu vergrößern, müsse nach seiner Einschätzung regelmäßig parlamentarisch überprüft werden. Mehrere Faktoren erschweren derzeit den personellen Aufwuchs. Dazu zählen unter anderem der demografische Wandel, der Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte sowie vergleichsweise hohe Abbruchquoten in den ersten Monaten des Wehrdienstes. Hinzu kommen strukturelle Probleme innerhalb der Organisation, etwa langwierige Personalverfahren, verzögerte Sicherheitsüberprüfungen und eine teilweise unzureichende Kommunikation mit Bewerberinnen und Bewerbern.

Steigende Erwartungen an die Truppe

Der Bericht ordnet die Situation in einen veränderten sicherheitspolitischen Kontext ein. Deutschland und seine Bündnispartner stünden angesichts der internationalen Lage vor erhöhten Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der Streitkräfte. Otte weist darauf hin, dass die Öffnung der Schuldenbremse für Verteidigungsausgaben den finanziellen Handlungsspielraum deutlich erweitert habe. Damit entfalle aus seiner Sicht die pauschale Begründung einer unzureichenden Finanzierung.

Stattdessen fordert der Wehrbeauftragte strukturelle Veränderungen. Dazu zählen schlankere Führungsstrukturen, schnellere nationale und europäische Beschaffungsverfahren sowie eine stärkere Entlastung der Truppe von administrativen Aufgaben. Auch müsse die Personalstärke dauerhaft erhöht werden.

Die Belastung der Soldatinnen und Soldaten spiegelt sich nach Angaben des Berichts auch in der Arbeit des Wehrbeauftragten wider. Im Jahr 2025 gingen insgesamt 2.819 Eingaben beim Amt ein. Im Jahr zuvor waren es 2.467 gewesen. Bezogen auf die Gesamtstärke der Bundeswehr entspricht dies einem Anstieg von 13,6 auf 15,4 Eingaben je tausend Soldatinnen und Soldaten. Das ist der höchste Wert seit 2016.

Entwicklung bei Personalzahlen und Bewerbungen

Zum Ende des Jahres 2025 gehörten nach Angaben des Wehrbeauftragten 184.194 aktive Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr an. Damit stieg die Personalstärke im Vergleich zum Vorjahr um rund 3.000. Otte spricht vom einstellungsstärksten Jahr seit der Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011.

Gleichzeitig verweist der Bericht auf strukturelle Ungleichgewichte innerhalb der Truppe. Besonders auffällig sei das Verhältnis zwischen Offizieren und Mannschaftsdienstgraden. Rechnerisch komme derzeit nahezu ein Offizier auf einen Mannschaftssoldaten. Ob mit einer solchen Struktur die Anforderungen der Landes- und Bündnisverteidigung langfristig erfüllt werden können, stellt der Wehrbeauftragte infrage.

Die Zahl der Bewerbungen entwickelte sich zuletzt positiv. Von 51.200 im Jahr 2024 stieg sie auf 55.958 im Jahr 2025. Allerdings wurden zahlreiche Bewerbungen im Verlauf des Auswahlprozesses zurückgezogen oder beendet. Insgesamt 5.045 Bewerberinnen und Bewerber zogen ihre Bewerbung selbst zurück. Weitere 11.590 Verfahren endeten wegen fehlender Mitwirkung im Bewerbungsprozess, aus gesundheitlichen Gründen oder aufgrund mangelnder geistiger beziehungsweise charakterlicher Eignung.

Zunehmende gesundheitliche Einschränkungen

Ein auffälliger Trend zeigt sich laut Bericht bei den wehrmedizinischen Untersuchungen. Von rund 25.230 abgeschlossenen Begutachtungen für eine Einstellung als Zeitsoldatin oder Zeitsoldat wurden etwa 2.090 Bewerberinnen und Bewerber als nicht dienstfähig eingestuft. Dies entspricht einem Anteil von rund 8,3 Prozent. Im Jahr 2024 lag dieser Wert noch bei 6,3 Prozent, im Jahr 2023 bei 5,5 Prozent.

Ausbilderinnen und Ausbilder hätten bei Truppenbesuchen wiederholt darauf hingewiesen, dass sich zunehmend Soldatinnen und Soldaten in der Grundausbildung befänden, die gesundheitlich nur eingeschränkt für den Dienst geeignet seien. Unverändert hoch blieb zudem der Anteil derjenigen, die ihren Wehrdienst innerhalb der ersten sechs Monate beenden. Er lag im Jahr 2025 bei 19,8 Prozent.

Anteil von Soldatinnen steigt nur langsam

Bei der Gewinnung von Frauen sieht der Wehrbeauftragte ebenfalls Handlungsbedarf. Der Anteil von Soldatinnen erhöhte sich im vergangenen Jahr lediglich geringfügig, nämlich von 13,62 auf 13,71 Prozent. Otte betont, dass nachhaltige Fortschritte insbesondere in den Kampfverbänden nur möglich seien, wenn die Bundeswehr jeder Form von geschlechtsbezogener Diskriminierung konsequent entgegentrete.

Bedeutung der Reserve

Auch der Ausbau der Reserve wird im Bericht als strategische Aufgabe hervorgehoben. Ziel ist eine Stärke von 200.000 Reservistinnen und Reservisten. Nach Einschätzung Ottes sind dafür zusätzliche Anreize erforderlich, um ehemalige Soldatinnen und Soldaten nach dem aktiven Dienst stärker an die Streitkräfte zu binden.

Besondere Aufmerksamkeit richtet der Wehrbeauftragte auf bürokratische Hürden, die bereits die Bewerbung für Reservistendienstleistungen erschweren. Diese müssten kurzfristig abgebaut werden. Zudem plädiert er für eine flexiblere Handhabung der Altersgrenze von derzeit 65 Jahren. Als Beispiel nennt Otte Schweden, wo Reservistinnen und Reservisten grundsätzlich bis zum 70. Lebensjahr eingesetzt werden können.

Modernisierung bei Drohnen und Digitalisierung

Beim Material sieht der Bericht insbesondere bei Drohnen und Systemen zur Drohnenabwehr zusätzlichen Bedarf. Die Kriege in der Ukraine und im Gazastreifen hätten die wachsende Bedeutung unbemannter Systeme in modernen Konflikten deutlich gemacht. Dazu zählen sowohl bewaffnete Drohnen als auch KI-gestützte oder autonome Systeme.

Besondere Sorge bereiten dem Wehrbeauftragten Verzögerungen beim Vorhaben „Digitalisierung Landbasierte Operationen“. Diese beeinträchtigten die Modernisierung der Führungs- und Kommunikationssysteme der Bundeswehr und erschwerten zugleich die Interoperabilität mit NATO-Partnern. Aus Gründen der militärischen Sicherheit verzichtet Otte im Bericht jedoch auf detaillierte Angaben.

Trotz der benannten Probleme versteht der Wehrbeauftragte seinen Bericht ausdrücklich nicht als reine Mängelübersicht. Vielmehr solle er Herausforderungen und Handlungsfelder aufzeigen und daraus konkrete Schlussfolgerungen für Politik und Bundeswehr ableiten.

Quelle: https://www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-1151212