Milliardenprogramm für den Zivilschutz geplant
Deutschland will den Bevölkerungsschutz nach Jahren des Rückbaus umfassend stärken. Die Bundesregierung plant Milliardeninvestitionen in Schutzräume, Einsatzmittel und Krisenvorsorge. Gleichzeitig zeigen Beispiele aus Berlin, wie groß der Nachholbedarf bei der zivilen Verteidigung weiterhin ist.
Die Bundesregierung plant ein umfangreiches Investitionsprogramm für den Zivilschutz. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt kündigte an, die Widerstandsfähigkeit Deutschlands gegenüber Angriffen, Anschlägen und Krisenlagen deutlich zu stärken. Bis 2029 sollen dafür nach Angaben des Bundesinnenministeriums zehn Milliarden Euro bereitgestellt werden.
Außerdem sollen bis dahin bundesweit 1.000 Spezialfahrzeuge und 110.000 Feldbetten beschafft werden. Im Bundesinnenministerium ist zudem eine neue Stabsstelle geplant, die im Ernstfall die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr koordinieren soll. Auch bei der Ausbildung von Einsatzkräften will die Bundesregierung bundesweit einheitliche Standards schaffen. Diese sollen insbesondere für Szenarien mit chemischen, biologischen, radiologischen und nuklearen Gefahren gelten.
Schutzräume sollen digital erfasst werden
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Ausbau und der Erfassung bestehender Schutzräume. Öffentliche Bunker, gesicherte Kelleranlagen und geeignete U-Bahnhöfe sollen bundesweit registriert und in digitale Warnsysteme eingebunden werden. Über die Notfall-Informations- und Nachrichten-App NINA soll künftig angezeigt werden können, welcher Schutzraum im Ernstfall am schnellsten erreichbar ist. Hintergrund ist die seit Jahren kritisierte Lage beim Bevölkerungsschutz.
Nach dem Ende des Kalten Krieges wurden zahlreiche Schutzanlagen stillgelegt oder anderen Nutzungen zugeführt. Nach Angaben des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe existieren von einst rund 2.000 öffentlichen Schutzräumen nur noch etwa 580 Anlagen. Voll einsatzfähig ist derzeit keine davon.
Berliner Bunker als mögliches Vorbild
Wie groß der Handlungsbedarf ist, zeigt ein ehemaliger Schutzbunker im Berliner Wedding. Der Verein Berliner Unterwelten nutzt die Anlage bislang als Museum und arbeitet inzwischen daran, den Bunker wieder für den Zivilschutz nutzbar zu machen. Dafür wurden bereits Wasserkanister, Sitzmöglichkeiten und weitere Grundausstattung beschafft.
Nach der Einschätzung der Betreiber bieten solche Anlagen zumindest Schutz vor konventionellen Angriffsszenarien, wie sie derzeit in der Ukraine zu beobachten sind. Der Verein hat nach eigenen Angaben sogar seine Satzung erweitert, um Behörden künftig beim Bevölkerungsschutz unterstützen zu können. Ziel sei es, zunächst zwei Berliner Schutzanlagen als Prototypen wieder betriebsfähig zu machen.
Fehlende Konzepte und offene Fragen
Kommunen und Fachleute kritisieren seit Längerem fehlende Vorgaben für den Ausbau von Schutzräumen. Zwar wurde bereits 2024 ein nationales Schutzraumkonzept angekündigt, veröffentlicht wurde es bislang jedoch nicht. Sebastian Jäger, Leiter der Koordinierungsstelle Kommunales Krisenmanagement in Potsdam, verweist darauf, dass vielerorts noch unklar sei, welche Anforderungen öffentliche Zufluchtsorte künftig erfüllen müssten. Erst mit verbindlichen Vorgaben könne die Detailplanung beginnen.
Auch der Krisenforscher Martin Voss von der Freien Universität Berlin fordert mehr Transparenz. Aus seiner Sicht müsse offen darüber diskutiert werden, welches Schutzniveau Deutschland künftig anstrebe und welche Maßnahmen dafür notwendig seien.
DRK fordert schnellen Ausbau des Bevölkerungsschutzes
Der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, Hermann Gröhe, mahnte einen schnellen Ausbau des Bevölkerungsschutzes an. Deutschland dürfe die Bevölkerung im Ernstfall nicht unzureichend vorbereitet lassen. Angriffe auf kritische Infrastruktur oder großflächige Stromausfälle könnten bereits erhebliche Folgen haben.?Gröhe warnte davor, den Ausbau der zivilen Verteidigung hinter militärischen Vorhaben zurückzustellen. Die aktuelle Sicherheitslage erfordere beides gleichermaßen.
Empfehlungen für die persönliche Vorsorge
Neben staatlichen Maßnahmen ruft das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe auch die Bevölkerung zur eigenen Vorsorge auf. Empfohlen wird ein Lebensmittelvorrat für mindestens zehn Tage. Falls der Platz begrenzt ist, sollte zumindest eine Versorgung für drei Tage vorhanden sein. Darüber hinaus empfiehlt die Behörde zwei Liter Wasser pro Person und Tag sowie eine Grundausstattung mit Medikamenten, Lichtquellen und Möglichkeiten zur Informationsbeschaffung.
Für den Fall eines Stromausfalls oder eines Ausfalls des Mobilfunknetzes gelten Kurbel- oder Solarradios als wichtige Informationsmittel. Mit dem geplanten Milliardenprogramm will die Bundesregierung den Bevölkerungsschutz nach Jahren des Rückbaus wieder stärker in den Fokus rücken. Gleichzeitig zeigen die Diskussionen um Schutzräume und kommunale Konzepte, dass der Aufbau leistungsfähiger Strukturen Zeit und klare Vorgaben erfordern wird.
Quellen:
https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/zivilschutz-faq-100.html
https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2026/05/berlin-schutzraeume-bunker-schutzraumkonzept-zivilschutz-unterwelten.html