Bundeswehr plant neue Maßnahmen gegen sexualisiertes Fehlverhalten
Die Bundeswehr will stärker gegen sexualisiertes Fehlverhalten vorgehen und den Schutz Betroffener verbessern. Angesichts steigender Verdachtsmeldungen und Kritik an den bisherigen Meldewegen arbeitet das Verteidigungsministerium an mehreren Veränderungen. Unter anderem sollen ein unabhängiges Interventionszentrum geschaffen und Änderungen bei der Beurteilung von Vorgesetzten vorgenommen werden.
Die Zahl der gemeldeten Verdachtsfälle von sexualisiertem Fehlverhalten in der Bundeswehr ist gestiegen. Nach Angaben des Bundesministeriums der Verteidigung gegenüber REPORT MAINZ wurden 2025 insgesamt 472 Verdachtsmeldungen registriert. 2024 waren es 413. Für 2026 berichtete das Ministerium von einem "überproportionalen Anstieg" der Verdachtsmeldungen zu sexueller Belästigung (§ 184i StGB) und sonstigen Verstößen gegen die sexuelle Selbstbestimmung.
REPORT MAINZ schildert zugleich Fälle, in denen Soldatinnen nach eigenen Angaben nach einer Meldung von Fehlverhalten innerhalb ihrer Einheit unter erheblichen Druck geraten seien. Kritisiert werden insbesondere mögliche Hemmnisse im internen Meldewesen. Die Wehrrechtsanwältin Laura Kleinebrecht verweist darauf, dass Betroffene befürchten könnten, eine Beschwerde wirke sich nachteilig auf ihre weitere dienstliche Entwicklung aus. Nach der Wehrbeschwerdeordnung darf allerdings niemand wegen der Einlegung einer Beschwerde benachteiligt werden.
Führungskräfte stärker in der Verantwortung
So soll bei der Ausbildung nachgesteuert werden. Konteradmiral Tobias Abry aus der Hauptabteilung Streitkräfte erklärte, dass insbesondere auf der Kompanieebene mehr Verhaltenssicherheit geschaffen werden solle. Bestehende Ansprechstellen müssten außerdem daraufhin überprüft werden, ob sie ausreichen, um die angestrebte Null-Toleranz-Politik umzusetzen und Betroffene angemessen zu schützen. Verteidigungsminister Boris Pistorius stellte bei der Gesamttagung der zivilen Gleichstellungsbeauftragten ebenfalls die Verantwortung von Führungskräften heraus. Gleichstellung sei eine Führungsaufgabe. Vorgesetzte müssten Fehlverhalten konsequent entgegentreten und ein Umfeld schaffen, in dem Beschäftigte und Soldatinnen und Soldaten Vertrauen in die bestehenden Strukturen haben.
Neue Strukturen außerhalb der betroffenen Dienststellen
Das Verteidigungsministerium arbeitet nach eigenen Angaben bereits an mehreren Veränderungen. Vorgesehen ist ein Interventionszentrum außerhalb der Truppenstruktur, das rund um die Uhr erreichbar sein und über psychologisch geschultes Personal verfügen soll. Das militärische Beurteilungswesen soll ebenfalls angepasst werden. Der Umgang mit potentiellem sexualisierten Fehlverhalten sowie Maßnahmen zur Prävention sollen künftig in die Beurteilung von Vorgesetzten einfließen. Daneben soll eine spezialisierte Wehrdisziplinaranwaltschaft geschaffen werden. Sie soll disziplinare Ermittlungen außerhalb der jeweils betroffenen Dienststellen ermöglichen.
Damit greift das Ministerium auch einen Punkt auf, der in der Diskussion um das bisherige Meldewesen eine zentrale Rolle spielt. Die Historikerin Karen Hagemann spricht sich für Meldewege aus, die Betroffenen eine Beschwerde außerhalb der eigenen Einheit ermöglichen. Nach ihrer Einschätzung könnten bestehende Abhängigkeiten und die besondere Bedeutung von Kameradschaft innerhalb militärischer Strukturen dazu beitragen, dass Vorfälle nicht gemeldet werden.
Dunkelfeldstudie soll weitere Erkenntnisse liefern
Wie groß das tatsächliche Ausmaß sexualisierten Fehlverhaltens innerhalb der Bundeswehr ist, lässt sich aus den registrierten Verdachtsfällen allein nicht bestimmen. Erstmals soll deshalb eine Dunkelfeldstudie ein wissenschaftlich belastbares Bild liefern. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums ist die Datenerhebung bereits abgeschlossen. Die Ergebnisse werden derzeit ausgewertet und sollen anschließend in die Weiterentwicklung von Prävention, Ausbildung und Unterstützungsangeboten einfließen.
Das Thema steht zugleich im Zusammenhang mit der Personalentwicklung der Streitkräfte, denn Frauen stellen derzeit 13,6 Prozent der Soldatinnen und Soldaten. Die Bundeswehr verfolgt das Ziel, ihren Anteil auf mindestens 20 Prozent zu erhöhen. Das Verteidigungsministerium verbindet Maßnahmen gegen sexualisiertes Fehlverhalten daher auch mit Fragen der Gleichstellung, Personalbindung und Attraktivität des Dienstes.
Quellen: https://www.bmvg.de/de/aktuelles/pistorius-spricht-auf-tagung-ziviler-gleichstellungsbeauftragten-6160222; https://www.tagesschau.de/investigativ/report-mainz/bundeswehr-frauen-102.html