Bewerbung & Karriere

Warum die traditionelle Bewerbung nicht länger funktioniert…

… und wie Sie trotzdem einen neuen Job finden!

Ausgeschriebene Stellen

Neun von zehn Personen, die zu mir in die Beratung kommen, haben sich auf ausgeschriebene Stellen beworben – ohne Erfolg. Das nährt Selbstzweifel.

„Ich bin zu alt.“

„Ich habe noch keine Berufserfahrung.“

„Ich bin Generalist.“

„Ich bin zu spezialisiert.“

„Vor zehn Jahren habe ich ein schlechtes Zeugnis erhalten.“

„Ich war einmal drei Monate arbeitslos.“

„In meiner letzten Position habe ich zu viel verdient.“

„In meiner aktuellen Stelle verdiene ich zu wenig.“

„Ich habe keine Führungserfahrung.“

„Ich habe einen Migrationshintergrund.“

Wir suchen den Fehler bei uns selbst, nicht im System. Und dabei wäre das durchaus berechtigt.

Die Arbeitgeberseite

Ein Unternehmen hat einen Job zu vergeben – und damit fangen die Schwierigkeiten an. Nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) müssen Stellenausschreibungen neutral formuliert werden. Unzulässig ist eine Ungleichbehandlung aufgrund von Geschlecht, Rasse oder ethnischer Herkunft, Religion und Weltanschauung, Behinderung, Alter und sexueller Identität. Verstößt der Arbeitgeber dagegen, wird er verklagt. Viele bewerben sich umsonst.

Der Fachbereichsleiter verfügt über eine hohe Fachkompetenz, kann aber oft keine strukturierten Interviews führen. Der Personaler ist zwar dazu in der Lage, sieht sich jedoch in einer beratenden Rolle. Und nicht selten entscheidet das Team mit. Dabei spielen wiederum Sympathiefaktoren wie ein nettes Bild eine entscheidende Rolle.

Hinzu kommt: Viele Arbeitgeber sind mit den E-Mail-Bewerbungen überfordert. Sie trauern alten Zeiten nach, in denen die Bewerbungen noch per Post verschickt wurden. Sollen alle Bewerbungen ausgedruckt werden? Oder wird nach der ersten Sichtung der PDF-Datei darüber entschieden, wie verfahren wird?

Nicht vergessen darf man, dass Bewerber heute besser auf Vorstellungsgespräche vorbereitet sind, als dies noch vor einigen Jahren der Fall war. Sie verfügen über Coaching-Material, haben Bücher gelesen und Seminare besucht. Sie wissen nach drei Gesprächen, worauf zu achten ist und fühlen sich sicher. Auf die „Generation Y“, die ununterbrochen hört, dass sie etwas „Besonderes“ ist, trifft dies ohnehin zu. Häufig ist der Arbeitgeber überfordert und tut sich schwer, wenn es darum geht, die richtige Entscheidung zu treffen. So sucht er nach zusätzlicher Sicherheit und schreibt die Stelle erst gar nicht mehr aus.

Die Sicht der Bewerber

Arbeitsuchende sehen das völlig anders. Sie schreiben 30, 50 oder gar 100 Bewerbungen – und werden dennoch nicht eingeladen. Nicht selten liegt dies an der Qualität der Unterlagen. Mehr ist nicht gleich besser. Wo Tätigkeiten mit den Worten „Alle anfallenden Aufgaben“ beschrieben werden oder die Verantwortung einfach mit Copy/Paste aus der letzten Bewerbung in die aktuelle kopiert, darf sich nicht wundern, wenn die Einladung zum Vorstellungsgespräch ausbleibt. Eine trockene Aufzählung der Aufgaben überzeugt noch nicht von Leistungen und Erfolgen.

Eine Frage des Systems

Die Agentur für Arbeit legt dar, dass lediglich 30 Prozent aller Stellen öffentlich ausgeschrieben werden – und damit auffindbar sind. Darauf bewerben sich jedoch 95 Prozent aller Job-Sucher. Dass es dann zu Engpässen kommt, ist verständlich und logisch. Die gute Konjunktur sowie der kolportierte Fachkräftemangel tun ihr Übriges. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Geburtsjahrgänge ab 1980 einen exzellenten Job machen – ihre Loyalität dem Arbeitgeber gegenüber aber nüchterner ist als noch bei der Generation davor. Sie begegnen dem Unternehmer auf Augenhöhe und scheuen sich nicht, die eigene Karriere mit mehreren Arbeitgeberwechseln voranzutreiben.

Der Job, der zu mir passt

In diesem Umfeld ist es nicht zielführend, mit dem Strom zu schwimmen. Der Bewerbungsprozess kann aber auf den Kopf gestellt werden. Es ist sinnvoller, zu den 5 Prozent der Bewerber zu gehören, die sich auf die 70 Prozent der nicht-ausgeschriebenen Stellen fokussieren.

Wie das funktioniert? Nun, bekanntlich führen viele Wege nach Rom. Häufig bringt eine Initiativbewerbung den gewünschten Erfolg. Bei einem entsprechenden Profil kann die pro-aktive Kontaktaufnahme zu Personalberatern weiterhelfen.

Ein Profil bei XING ist Pflicht. Hier können Mitglieder aus dem Bereich Personalbeschaffung gefunden werden, die mein Suchprofil ausgeschrieben haben. Ich kann gefunden werden, indem ich meinen Lebenslauf bei führenden Karriereportalen hinterlege. Oder ich nehme Kontakt zu den Personalüberlassungsunternehmen auf, die ausschließlich in ein festes Angestelltenverhältnis hinein vermitteln. Ich aktiviere mein Netzwerk, arbeite mit der ZAV-Managementvermittlung zusammen (sofern mein Profil passt), werfe einen Blick auf Länder mit Vollbeschäftigung (wie etwa die Schweiz) oder entdecke das Interim-Management für mich.

In allen Fällen werde ich entweder gefunden oder setze mich mit Multiplikatoren in Verbindung, die um Stellen wissen, die ich selbst noch nicht kenne. Auf diese Weise schwimme ich gegen den Strom, gehe von mir – und nicht von der ausgeschriebenen Stelle – aus, verbreite Authentizität und weise Alleinstellungsmerkmale vor.

Wenn Sie den verdeckten Arbeitsmarkt strategisch erschließen, haben Sie mehr Chancen, ihren Traumjob zu finden.


Über den Autor

Vincent G.A. Zeylmans van Emmichoven, Experte in Sachen Bewerbung , gibt Einsteigern, erfahrenen Arbeitnehmern und Quereinsteigern Tipps zum richtigen Verhalten im Bewerbungsgespräch, zum verdeckten Arbeitsmarkt und vielen weiteren spannenden Fragen rund um Bewerbung und Karriere. Als SZ-Jobcoach schreibt er regelmäßig für die Süddeutsche Zeitung.

Jeden Monat zeigt er innovative und teils kuriose Ansichten und Herangehensweisen an Probleme, die garantiert jeder Bewerber in seinem Leben einmal erlebt hat - vom Bewerbungsprozess bis hin zum heiß ersehnten Gespräch, vom Berufseinstieg bis zum beruflichen Neuanfang.

Vincent G.A. Zeylmans van Emmichoven blickt auf eine internationale Karriere als Geschäftsführer mehrerer mittelständischer Unternehmen und Konzerne (u.a. Yves Rocher und Gillette) zurück. Der Karriere-Coach hält als Gastdozent am MCI Management Center Innsbruck Vorträge zum Thema Job-Hunting, verfasst Beiträge für das Magazin FOCUS und ist Kolumnist bei der Süddeutschen Zeitung.

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