Bewerbung & Karriere

Neue Bewerbungsstrategien für das digitale Zeitalter

Wie Sie ein Personal Branding aufbauen

„Herr Zeylmans, ich möchte mir mein Profil im Netz platzieren.“ Mit diesem Gedanken wurde ich in letzter Zeit dreimal konfrontiert. „Wie kann ich auffindbar sein?“ Oder auch: „Ich möchte mich nicht jedes Mal neu bewerben, sondern von potenziellen Arbeitgebern gefunden und kontaktiert werden.“

Diese Fragen sind in folgendem Zusammenhang zu verstehen:

1. Das Ende der Stellenanzeige

Je knapper der Arbeitsmarkt wird, umso weniger machen Arbeitgeber vom Instrument der klassischen Stellenanzeige Gebrauch. Die passenden Bewerber reagieren nicht, denn sie sind mit ihrer aktuellen Tätigkeit beschäftigt. In Zeiten des demographischen Wandels sind ohnehin immer weniger Arbeitskräfte verfügbar. Dazu kommt die niedrigste Arbeitslosigkeit seit 25 Jahren. Und die höchste Beschäftigung je. Wo Kununu regiert, werden Unternehmen, die den Bewerbungsprozess (Candidate Experience) nicht perfekt beherrschen, sofort an den Pranger gestellt. Außerdem sind Bewerber immer besser geschult (Angst des Interviewers), so dass die Chance einer Fehlentscheidung seitens des Arbeitgebers zunimmt. Konsequenz: 70 Prozent aller Stellen werden nicht länger ausgeschrieben. Im Führungsbereich sogar 80 Prozent. Tendenz steigend!

2. Active Sourcing

Viele Arbeitgeber greifen daher auf die Dienste von Personalberatern zurück. Ihre Zahl wird in Deutschland auf ca. 6.000 geschätzt. Das Erfolgshonorar von seriösen Consultants wird mit ca. 30 Prozent des Jahresgehaltes bemessen. Aber seit der Existenz der sozialen (Business-)Netzwerke, fragen sich Arbeitgeber, ob sie nicht selbst das Recruiting übernehmen können. Die Geburt des Active Sourcings. XING und LinkedIn werden durchsucht. Dazu weitere Plattformen wie Facebook-Seiten, Twitter oder YouTube. Der Gedanke dabei: Was der Headhunter kann, kann ich als Arbeitgeber auch. Dazu behalte ich ein Drittel des Jahresgehaltes in der eigenen Tasche.

3. Komprimierung

Gleichzeitig sind wechselwillige Kandidaten angehalten, ihre Kompetenzen in immer komprimierterer Form darzustellen. In Zeiten, in denen 10.000 Eindrücke pro Tag auf uns einprasseln, will keiner mehr unnötig Zeit mit Suchen vergeuden. Das Wesentliche soll auf den Punkt gebracht werden. Aufgaben, Verantwortungsbereiche und Stellenbezeichnungen interessieren nur am Rande. Es zählen Leistungen und Ergebnisse. Headhunter werden häufig mit einem „Two-Pager“ kontaktiert. Hier sollen Ausbildung, Werdegang, die wichtigsten Aufgaben, Erfolge und Ergebnisse sowie die erworbenen Kompetenzen in Kompaktform dargestellt werden.

4. Personal Branding

Neben der Konvergenz des persönlichen Profils steht die Divergenz des Personal Brandings. Im Klartext: Bewerber sollen einerseits komprimieren und andererseits in die Breite gehen. Wer im Internet nicht auffindbar ist, muss zumindest den Beweis erbringen, dass er in seiner derzeitigen Position erfolgreich tätig ist. Das Kokettieren mit der Unsichtbarkeit mag für den ein oder anderen legitim sein. Für die breite Masse gilt das jedoch nicht.

Für die Karriere-Entwicklung sollten sich Arbeitnehmer folgende Fragen stellen:

Mit welchen Kompetenzen will ich mich im Internet positionieren (Profil)?

Wie sieht meine Strategie für ein erfolgreiches Profil aus?

  • Wie stelle ich mich bestmöglich dar in Business-Netzwerken wie XING?
  • Wie präsentiere ich mich bei Twitter und auf welche Artikel mache ich hier aufmerksam?
  • Neben Fach- und Führungskompetenz möchte ich vielleicht noch Branchen- oder persönliche Kompetenzen vorweisen: Zeit für eine Facebook-Seite (Lassen Sie sich nicht davon abschrecken, dass die Erstellung vorwiegend für „Berühmtheiten“ gedacht ist. Denken Sie perspektivisch ;-).
  • Bei einer persönlichen Präsentation werden Inhalte zu 55 Prozent über die Körpersprache transportiert, zu 38 Prozent über die Intonation und lediglich zu 7 Prozent über den Inhalt Legen Sie sich deshalb einen eigenen Kanal bei YouTube an.
  • Sie haben etwas zu sagen, aber dafür nie den richtigen Raum gefunden? Die Suche hat ein Ende! Mit Book on Demand laden Sie Ihr eigenes Manuskript hoch und bieten über die erworbene ISBN-Nummer Ihr Buch über jede Buchhandlung und im Internet an. Kostenpunkt: Zero. Nicht ganz richtig: Einmalig ca. 50 Euro für die ISBN-Nummer. Alles andere ergibt sich von selbst. Ihre Fangemeinde kann jedes Buch einzeln kaufen – und Sie erhalten sogar noch ein Autorenhonorar!
Mit dieser Strategie belegen Sie die Top 10 bei Google,  sobald Ihr Name eingegeben wird.

Das heutige Recruiting ist vergleichbar mit einer Sanduhr. Der Arbeitgeber (oder der Headhunter) sucht in Zeiten des verdeckten Arbeitsmarktes breit. Ähnlich wie ein Schleppnetz. Der Personalberater nimmt mit Stichworten eine Suche bei LinkedIn und XING vor. Aus den vielen Treffern selektiert er die passenden Kandidaten.

Nun wird es eng. Sie werden kontaktiert und sollten in der Lage sein, Ihr Profil - auf den Punkt gebracht - zu transportieren.

Wenn Ihre Achievements und Accomplishments (um einen Amerikanismus zu verwenden, da die Amerikaner die Vita schon deutlich früher auf das Wesentliche reduziert hatten) überzeugen, geht es wieder in die Breite. Der Arbeitgeber prüft, welche Informationen er noch im Internet über Sie findet. Wenn Sie Ihre Strategie konsequent umgesetzt haben, wird er die in Ihrem CV erwähnten Stärken und Kompetenzen bestätigt finden. Die Einladung zu einem persönlichen Kennenlernen ist Ihnen sicher!

Nun schließe ich noch mit zwei Punkten ab:

1. Dieses digitale Business ist nicht meine Welt! Habe ich dann keine Chance auf einen Job?

Nein – so ist es gewiss nicht! Ich sehe es jedoch als meine Verantwortung an, auf Trends hinzuweisen. Derjenige, der seine Bewerbungsstrategie sukzessive in diese Richtung entwickelt, wird es verhältnismäßig einfacher haben als jemand, der lediglich in Kategorien wie Anschreiben und Lebenslauf denkt.

2. Das ist doch nur für Führungskräfte oder Fachspezialisten ab einer gewissen Gehaltsebene?

Ja und nein. Sicherlich werden größere Such-Anstrengungen unternommen, wenn ein neuer Geschäftsführer gesucht wird. Aber auch der Gabelstaplerfahrer hat mit einem gepflegten Profil bei XING sicherlich Vorteile gegenüber seinen Mitbewerbern. Ein attraktives Bild ist z. B. ein Sympathiewert. Angaben in der Rubrik „ich biete“ sagen wesentlich mehr aus als die üblichen Angaben im Lebenslauf. Kontakte und Gruppen, denen er folgt, runden das Profil ab.

Es ist durchaus denkbar, dass diese Person von einem suchenden Arbeitgeber gefunden wird. Es ist äußerst wahrscheinlich, dass das Profil „gegoogelt“ wird, wenn die Bewerbungsunterlagen dem Arbeitgeber vorliegen. Und die Chance ist groß, dass der Kandidat, der den Arbeitgeber über die Unterlagen hinaus überzeugt, die Zusage erhält.  


Über den Autor

Vincent G.A. Zeylmans van Emmichoven, Experte in Sachen Bewerbung , gibt Einsteigern, erfahrenen Arbeitnehmern und Quereinsteigern Tipps zum richtigen Verhalten im Bewerbungsgespräch, zum verdeckten Arbeitsmarkt und vielen weiteren spannenden Fragen rund um Bewerbung und Karriere. Als SZ-Jobcoach schreibt er regelmäßig für die Süddeutsche Zeitung.

Jeden Monat zeigt er innovative und teils kuriose Ansichten und Herangehensweisen an Probleme, die garantiert jeder Bewerber in seinem Leben einmal erlebt hat - vom Bewerbungsprozess bis hin zum heiß ersehnten Gespräch, vom Berufseinstieg bis zum beruflichen Neuanfang.

Vincent G.A. Zeylmans van Emmichoven blickt auf eine internationale Karriere als Geschäftsführer mehrerer mittelständischer Unternehmen und Konzerne (u.a. Yves Rocher und Gillette) zurück. Der Karriere-Coach hält als Gastdozent am MCI Management Center Innsbruck Vorträge zum Thema Job-Hunting, verfasst Beiträge für das Magazin FOCUS und ist Kolumnist bei der Süddeutschen Zeitung.

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