Bewerbung & Karriere

Nachweispflicht der Erfolge

Müssen alle Behauptungen in einer Bewerbung nachgewiesen werden?

Kürzlich führte ich ein Seminar für Doktoranden durch, die sich mit ihrer eben erworbenen Qualifikation auf dem Arbeitsmarkt weiterentwickeln wollen. In diesem Zusammenhang wurden auch ihre bisherigen Tätigkeiten thematisiert. Als wir im Gespräch noch einen Schritt weitergingen, stellte sich die Frage, welche Erfolge sie bereits verzeichnen konnten.

Unterschiedliche Qualifizierungen

Manchen bereitete es keine Schwierigkeiten, messbare Resultate zu benennen. Bei anderen hingegen war gerade die Quantifizierung problematisch. Ich ermutigte die Seminarteilnehmer daraufhin, auch einen Blick auf den qualitativen Bereich zu werfen.

Einige der Teilnehmer waren für ihre zielorientierte Arbeitsweise bekannt; sie hatten Projekte schneller als vorgegeben abgeschlossen. Andere waren gut darin, Konflikte zu schlichten und ein gegenseitiges Verständnis unter den Teammitgliedern zu schaffen. Wieder andere sorgten für ein gutes Klima und konnten Projektmitglieder schnell für sich gewinnen.

Grundvertrauen der Arbeitgeber in die Bewerber

Als wir uns darüber unterhielten, waren die meisten der Meinung, dass in Bewerbungsunterlagen nur die Leistungen aufgeführt werden dürften, die sich auch wirklich nachweisen lassen. An dieser Stelle habe ich erwähnt, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich zunächst in einer Atmosphäre des Vertrauens begegnen.

Auch während meiner persönlichen Vorstellungsgespräche wurde mir nie ein grundsätzliches Misstrauen entgegengebracht. Zudem wäre es absurd anzunehmen, dass ein potenzieller Arbeitgeber Vorbereitung und somit Zeit, Energie und Geld investiert, wenn er den Eindruck hat, der Eingeladene habe geschwindelt – ganz im Gegenteil: Es wird ein hohes Maß an Selbstreflexion vorausgesetzt.

Zwar sucht der Arbeitgeber sehr wohl nach Aussagen über die Person des Bewerbers, nach Stärken, Erfolgen und Leistungen, die vom Umfeld honoriert wurden. Aber nicht alles kann belegt werden, und diese Erwartung besteht auch gar nicht.

Auf ein stimmiges Bild kommt es an

Im Vorfeld entwickelt sich jedoch sehr wohl ein Eindruck – und dieser sollte mit der Realität übereinstimmen: Wer sich direkt, schnell und entscheidungsfreudig zeigt und dazu möglicherweise noch bei Sanierungsprojekten mitgearbeitet hat, zeichnet schon mal ein bestimmtes Bild von sich. Wenn man als Freizeitaktivitäten dann etwa noch Bergsteigen, Drachenfliegen oder Tiefseetauchen erwähnt, erscheint das Profil authentisch.

Wer aber auf der einen Seite meint, Herausforderungen zu lieben und gleichzeitig kundtut, eine sehr zurückhaltende Person zu sein und mit hoher Empathie und Vorsicht agiert, hat ein unklares Profil und wird wahrscheinlich nicht eingeladen.

Natürlich gleicht der Arbeitgeber beim Vorstellungsgespräch den ersten Eindruck aus den Unterlagen mit seiner persönlichen Wahrnehmung ab. Wenn die Beobachtung weiterhin stimmig ist, kommt der Wunsch nach einem „Beleg“ für Aussagen nicht auf. Der Gesprächspartner wird gewisse Bemerkungen sicher vertiefen und prüfen, wie fest der Kandidat in der Materie verankert ist. Das gute Gefühl bleibt erhalten, solange das Unternehmen den Eindruck gewinnt, dass alles zusammenpasst.

Nach einem positiven Eindruck…

Wenn der Punkt erreicht ist, dass der Arbeitgeber sich vorstellen kann, den Kandidaten einzustellen, werden die Zeugnisse vielleicht noch etwas genauer unter die Lupe genommen. Es kann auch sein, dass die Personalabteilung um einige Referenzen bittet. Darüber hinaus lädt manch Unternehmer zu einem Probearbeitstag zum gegenseitigen Kennenlernen ein.

Die meisten Unternehmen haben ein recht gutes Gespür dafür, ob Aussagen plausibel sind. Vor allem wenn der Bewerber persönlich zum Interview erscheint, wird rasch klar, ob die persönliche Begegnung der vorherigen Beschreibung standhalten kann. Wenn sich im Gespräch aber Zweifel regen, hilft in den meisten Fällen auch der Nachweis der Behauptungen nichts mehr.

Fazit

Jeder Arbeitgeber weiß, dass es bei Bewerbungsunterlagen „Gestaltungspielräume“ gibt. Oft ist es müßig, darüber zu reden, ob der Bewerber „hohe Ansprüche an sich selbst hat“. Solange die Richtung stimmt, ist es unnötig, dass sich der Bewerber darüber Gedanken macht, ob alle Aussagen belegt werden können. Wer diese Tatsache allerdings als Einladung sieht, die eigene Vita allzu großzügig zu interpretieren, schießt in den meisten Fällen ein Eigentor.


Über den Autor

Vincent G.A. Zeylmans van Emmichoven, Experte in Sachen Bewerbung , gibt Einsteigern, erfahrenen Arbeitnehmern und Quereinsteigern Tipps zum richtigen Verhalten im Bewerbungsgespräch, zum verdeckten Arbeitsmarkt und vielen weiteren spannenden Fragen rund um Bewerbung und Karriere. Als SZ-Jobcoach schreibt er regelmäßig für die Süddeutsche Zeitung.

Jeden Monat zeigt er innovative und teils kuriose Ansichten und Herangehensweisen an Probleme, die garantiert jeder Bewerber in seinem Leben einmal erlebt hat - vom Bewerbungsprozess bis hin zum heiß ersehnten Gespräch, vom Berufseinstieg bis zum beruflichen Neuanfang.

Vincent G.A. Zeylmans van Emmichoven blickt auf eine internationale Karriere als Geschäftsführer mehrerer mittelständischer Unternehmen und Konzerne (u.a. Yves Rocher und Gillette) zurück. Der Karriere-Coach hält als Gastdozent am MCI Management Center Innsbruck Vorträge zum Thema Job-Hunting, verfasst Beiträge für das Magazin FOCUS und ist Kolumnist bei der Süddeutschen Zeitung.

WALHALLA Newsletter

Sie wollen immer gut informiert bleiben?
Melden Sie sich zu Ihrem gewünschten Thema an.

Jetzt anmelden!

Seminarprogramm 2018
Blog Fokus Pflegerecht
Whitepaper - Jetzt kostenlos downloaden!
Aktuelles Gaststättenrecht Kommentar zum Gaststättengesetz und zum Getränkeschankanlagenrecht
Aktuelles Gaststättenrecht
Kraftverkehrskontrolle
Kraftverkehrskontrolle