Erziehung als soziale Frage

Erziehung als soziale Frage Ferdinand Klein Impulse für das Heute: Rudolf Steiner und die Waldorfpädagogik

Die Praxis der Waldorfpädagogik in Kindertageseinrichtungen ermöglicht es pädagogischen Fachkräften, den eigenen Standpunkt zu begründen, dem Kind auf Augenhöhe zu begegnen und sich von ihm führen zu lassen. Diese kindzentrierte pädagogische Praxis ist in Zeiten einer zunehmend didaktisierten und funktional gestalteten Elementarpädagogik wichtiger denn je, sie rückt die soziale Bedeutung von Erziehung in den Mittelpunkt. Prof. Dr. Ferdinand Klein widmet sich in diesem Buch, das auf bereits veröffentlichten Aufsätzen basiert, grundlegenden Impulsen der von Rudolf Steiner begründete Waldorfpädagogik. Anhand von authentischen Aufzeichnungen und Gesprächen mit einer Waldorferzieherin in einem integrativen Kindergarten und eigenen Analysen macht der Autor das zeitlose Grundanliegen dieser an einem ganzheitlichen Menschenbild orientierten Reformpädagogik deutlich. Prof. Dr. phil. Dr. paed. et Prof. h. c. Ferdinand Klein ist Erziehungswissenschaftler auf dem Fachgebiet „Heilpädagogik“. Er arbeitete 20 Jahre als Erzieher, Heilpädagoge und Logotherapeut und lehrte und forschte an sechs Universitäten in Deutschland, Ungarn und der Slowakei. • AKTUELL • PRAXISGERECHT • VERSTÄNDLICH WISSEN FÜR DIE PRAXIS

7 6 5 4 3 2 1 Einleitung 7 Das Fundament der Waldorfpädagogik: Die Freiheit des Menschen 9 Die waldorfpädagogische Praxis im frühen Alter 17 Die Camphill-Schulgemeinschaft Föhrenbühl 27 Eurythmie als heilende Bewegungskunst 45 Waldorfpädagogik in Entwicklung und im Wandel 65 Menschenkundliche Aspekte der Entwicklung und Grundqualitäten für die Praxis 81 Literaturverzeichnis 99 Schnellübersicht

Einleitung 7 www.WALHALLA.de Einleitung Die Waldorfpädagogik versteht sich als geistige Bewegung. Sie erkennt die Erziehungsfrage als soziale Frage und orientiert sich an der Wirklichkeit des Lebens. Das organische Ganze der Waldorfpädagogik kann nicht gleichzeitig in Sprache gefasst werden, sondern nur in einem verzweigten und wechselseitig sich ergänzenden Nacheinander. Das macht es nötig, bisweilen eine Stelle mehrmals zu berühren. Es geht um eine Systematik, die der Bewusstseinsbildung dient. Mein Anlass, mich mit der Waldorfpädagogik zu beschäftigen war in der Zeit, als ich in jungen Jahren als Heil- und Sonderpädagoge arbeitete und mich in meiner Freizeit am Institut für Pädagogik der Universität Erlangen-Nürnberg weiterbildete. Damals entdeckte ich in Rudolf Steiners Buch „Die Methodik des Lehrens und die Lebensbedingungen des Erziehens“ die in dichterischen Worten beschriebene Methode des pädagogischen Handelns: „Dem Stoff sich verschreiben, heißt Seelen zerreiben. Im Geiste sich finden, heißt Seelen verbinden. Im Menschen sich schauen, heißt Welten erbauen.“ (Steiner 1926, S. 73) Können wir den in diesem Symbolum (Sinnbild) zur Sprache gebrachten Inhalt so ohne Weiteres nachvollziehen? Oder sollten wir uns um ein Erweitern des Erkenntnishorizonts bemühen, wie das Teilnehmer eines waldorfpädagogischen Ausbildungskurses in Indien taten? Sie erforschten die Geheimnisse menschlichen Lebens und brachten dabei ihre eigenen Erfahrungen ein. Nach zwei Wochen sagten einige, ihr Leben habe sich verändert und sie hätten in „dieser Zeit mehr gelernt als in einem Jahr Studium an der Universität“ (Roberts 2007, S. 38). Die Teilnehmenden hatten in wenigen Tagen das erfahren, was zu einer neuen Qualität des pädagogischen Handelns führte:

Einleitung 8 www.WALHALLA.de Sie handelten nicht nach einer vorgegebenen Theorie, sondern traten von ihrem Handeln zurück und dachten über sich, über das Leben und Zusammenleben und über ihre Arbeit intuitiv und meditierend nach. Ihr bewusst selbstkritisches Nachdenken führte sie auf die Spur eines neuen Erkenntnisparadigmas. Einrichtungen, die im Titel „Waldorf“ oder „Rudolf Steiner“ tragen, gleich ob Schule, Kindergarten, heilpädagogische oder therapeutische Bildungsstätte, sind heutzutage weltweit zu finden. Ihre Bekanntheit und ihr Ansehen sind beachtlich. Die Waldorfpädagogik erfährt eine zunehmend größere Anerkennung innerhalb der bestehenden Erziehungssysteme. Doch kann die von Rudolf Steiner begründete Waldorfpädagogik der Erziehung im Kindergarten heute noch Impulse geben? Ich bin der Meinung ja, deshalb gibt es dieses Buch. Auch heute ist ein Nachdenken über grundlegende Lebensfragen geboten, die darauf hinweisen, dass Kindern durch rhythmisch gestaltete Erziehungsräume ein freies Gestalten ihrer erlebten Welt zu ermöglichen ist. Diese Erziehungskunst kommt aus der Tiefe des Herzens und achtet das Gute im Kind. Die hier beschriebenen Grundlagen, die unter anderem auf den Erfahrungen einer Waldorferzieherin eines integrativen Kindergartens basieren, veranschaulichen das zeitlose Grundanliegen dieser an einem Menschenbild orientierten Reformpädagogik. Ich danke Gabriele Scholz für ihre überaus wertvollen Schilderungen und Hinweise zu ihrer jahrzehntelangen Arbeit in einem Waldorfkindergarten und Achim Scholz für die hilfreiche Begleitung bei der Entstehung der grundlegenden Beiträge für dieses Buch. Ferdinand Klein im März 2026

1 Das Fundament der Waldorfpädagogik: Die Freiheit des Menschen Vorbemerkung.............................................................................. 10 Eine weltweite Bewegung............................................................ 10 Historische Begründung der Bildungsreform............................. 12 Ganzheitliche Praxis: Das Kind als Subjekt verstehen................ 13 Mit dem Kind im „inneren Dialog“ sein...................................... 13 Die waldorfpädagogische Fachkraft ist Lernende...................... 14 „Jede Erziehung ist Selbsterziehung“ ........................................ 15

1 Das Fundament der Waldorfpädagogik 10 www.WALHALLA.de 1 Vorbemerkung Rudolf Steiners Reformpädagogik war lange Zeit in der Öffentlichkeit unbekannt und wurde als „pädagogische Provinz in einer heilen Welt“ apostrophiert. Doch das immer wieder Krisen unterliegende staatliche Bildungssystem führte zum Ruf nach anderen, humaneren Bildungsrichtungen. Besorgte Eltern entdeckten die Waldorfpädagogik wieder, die durch die nationalsozialistische Diktatur zerstört worden war. Ab 1945 entstehen zahlreiche waldorfpädagogische Kindergärten, Schulen und Hochschulen, bei denen auch die schlimmen Erfahrungen der Diktatur als motivierende Kraft für eine neue Humanität wirken. Das Fundament der Waldorfpädagogik ist die Freiheit des Menschen. Nach Steiners Überzeugung fühlt sich jeder Mensch aus seinem ursprünglichen Wesen heraus aufgerufen, das Gute (Göttliche) zu tun. Dadurch können Mensch und Welt „durchchristet“ werden. Diese Idee nimmt die waldorfpädagogische Fachkraft in die Verantwortung: Ihr situationsgerechtes Handeln muss dort ansetzen, wo der Kampf um Menschlichkeit stattfindet: Im selbstverantworteten Handeln für den Nächsten (Glöckler 2002). In diesem Handeln zeigt sich Steiners Menschenbild, das den Nihilisten, die sich gegen die unantastbare Würde des Menschen richten, antwortet. Nihilismus erzeugt bei vielen Menschen Angst, die zu Vertrauensverlust, Misstrauen, Distanz, Abgrenzung oder Rückzug führt. Heute brauchen pädagogische Fachkräfte mehr denn je Empathie, Vertrauen und Lebensfreude. Das heben Studien der BertelsmannStiftung zur frühkindlichen Bildung hervor: Politik und Gesellschaft stehen vielfältigen Herausforderungen gegenüber, die weitereichende Folgen haben. Notwendig ist eine grundsätzliche Reform der Bildung, die Kinder, Eltern und pädagogische Fachkräfte nachhaltig unterstützt. Eine weltweite Bewegung Rudolf Steiners Pädagogik ist in den vergangenen Jahrzehnten zu einer weltweiten Bewegung in Kindergärten, Heimen, Schulen und Hochschulen geworden. Was sind die Gründe für ihre wachsende Popularität?

Eine weltweite Bewegung 11 www.WALHALLA.de 1 ▪ Waldorf-Erziehungseinrichtungen bilden Kinder vielseitig und achten gleichgewichtig die kognitiven, musisch-künstlerischen, handwerklich-praktischen Lebens- und Lernbereiche. Gerade diese lebensreformerischen Impulse entfalten eine eindrucksvolle interkulturelle und inklusive Wirkung. ▪ Das Fundament der Waldorfpädagogik ist die Anthroposophie, wörtlich aus dem Griechischen, die „Weisheit des Menschen“. Ihr geht es um einen am Menschen orientierten geistreichen (spirituellen) Weg des Erkennens, aus dem keine klar definierten und gültigen Methoden für das Handeln abgeleitet werden können. ▪ Steiner achtet das ganzheitlichen Denken, das Philosophie und Pädagogik, Kunst und Religion, Theorie und Praxis als Einheit sieht. Der Zugang zu diesem ganzheitlichen und vernetzen Denken fordert heraus. Seine weltanschaulichen Einsichten gewann Steiner aus einem intensiven Studium der naturwissenschaftlichen Schriften des Universalgelehrten und Dichters Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Für Goethe ist die Welt nichts Festes und Gewordenes, sondern etwas, das in der Entwicklung ist und sich wandelt. Der Gedanke der Metamorphose, also der Verwandlung oder Umgestaltung, ist für Steiner grundlegend. ▪ Besuche in waldorfpädagogischen Einrichtungen hinterlassen prägende Eindrücke. In diesen Gemeinschaften wird Inklusion gelebt. Der Besucher spürt die Qualität der Beziehung, das vorbehaltlose Achten und Anerkennen der Individualität in der Begegnung von Mensch zu Mensch. Er erlebt die Sprache des Geistes: „Wir finden Lebensformen, die nicht für jemanden, sondern gemeinsam geschaffen werden, eingebunden in den Rhythmus der Zeit, verwoben in sinnvoller Arbeit, künstlerischem Tun und einer hohen Ethik für das Lebendige.“ (Fragner 2020, S. 1) ▪ Von dieser Beziehungsqualität und Achtung des individuellen Menschen spricht Josef Fragner, Vater eines Kindes mit schwerer Behinderung, Professor für Sonderpädagogik und langjähriger Chefredakteur der Fachzeitschrift „MENSCHEN. Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten“. Fragner schreibt dem „guten Pädagogen“ Ende der 1980er Jahre ins Stammbuch: „Für Eltern ist ihr Kind nicht ein wahrnehmungsgestörtes, verhaltensgestörtes, aggressives, sprachloses oder defizitäres Wesen. Für Eltern besteht ihr Kind nicht aus typischen Syndromen. Für Eltern ist ihr behindertes Kind ihr Kind. Ein Kind, das sie anlä

1 Das Fundament der Waldorfpädagogik 12 www.WALHALLA.de 1 chelt, ein Kind, das ihnen Freude bereitet, ein Kind mit leuchtenden Augen, ein Kind mit seidigen Haaren. Ein Kind, das wir versuchen, in seiner positiven Entwicklung zu sehen.“ (Fragner 1989, S. 232) ▪ Das Kind will in einem achtsam gestalteten Sozialraum seine Individualität und biografischen Impulse entfalten. In diesem Raum der Begegnung kann es sein Denken, Fühlen und Wollen als grundlegende Äußerungen seines seelisch-geistigen Leben in einem nie abschließbaren Prozess entwickeln. Die Waldorfpädagogik vertritt einen ethischen Individualismus, dessen Fundament die Lehre der Anthroposophie ist. In seinem Grundlagenwerk „Die Philosophie der Freiheit“ (1995) vertritt Steiner ein Denken, das Philosophie und Pädagogik, Kunst und Religion, Wissenschaft und Praxis als Ganzheit sieht. Die kontrovers diskutierte Zukunft der staatlichen Erziehung steigert das Interesse an der Waldorfpädagogik, die sich am Prinzip der Ganzheit und des Entwicklungsgedankens orientiert. Die Leistungen der Waldorfschüler und ihre beruflichen Wege sind beachtlich. Historische Begründung der Bildungsreform Steiner wollte durch das Prinzip des Geistigen, das in der Welt und im Menschen wirkt, eine menschenwürdigere Gesellschaft mitgestalten. Er strebte Bildungseinrichtungen an, die von staatlichen, parteipolitischen und wirtschaftlichen Verwertungsinteressen unabhängig sind und in denen sich ein „freies Geistesleben“ entwickeln kann. Der von ihm begründeten Anthroposophie geht es um ein vorurteilsfreies und mitfühlendes Denken, das im Bewusstsein des Menschen verankert ist, Gefühle des Hasses und der Lieblosigkeit nicht kennt. Dieser Humanismus strebt nach wahrer Menschlichkeit und antwortet den großen Herausforderungen durch das Böse. Es geht nicht um ein Aufnehmen des Denkens anderer Menschen, sondern Denken entsteht durch eigenes Tun zusammen mit anderen Menschen im staatlichen Gemeinwesen. Hier lernen Menschen mit- und voneinander aus ihren eigenen lebendigen Kräften heraus in einem vom Staat unabhängigen Bildungswesen, das sich an der Idee des Bildungsreformers, Gelehrten, Schriftstellers und Staatsmanns Wilhelm von Humboldt (1767-1835) orientiert, der eine Neuorganisation des Bildungswesens im Geist des Neuhumanismus initiierte. Dieser ermöglicht nach dem Rechtswissenschaftler Dietrich Spitta

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