Wo ist mein Zuhause?

IGFH

6 Vorwort 12 Teil I: Abschiede von Zuhause 17 1. Der Erste: Abschied von Zuhause (für Mama) 18 - Die Krankheit meiner Mutter 20 - Auszug 22 - Brief an Mama 23 - Interview mit meiner Mutter 26 - Nie wieder mein Zuhause 30 - Septemberwärme 32 Learnings 34 2. Wie Schule ein Zuhause wurde 36 - Gute und schlechte Zeiten 36 - Safer Space Schule 39 - Risse in der Fassade 41 - Lang ersehntes, erkämpftes Abi 42 - Letzter Schultag 45 - @ Lehrkräfte 45 Learnings 46

7 3. Der Schlimmste: Abschied von der Wohngruppe 48 - Wohngruppe: (K)ein neues Zuhause 49 - Wo will ich wohnen? 52 - 18. Geburtstag: Endlich ausziehen? 55 - Der Monat vor dem Auszug 57 - Der größte Schmerz: Die Wochen nach dem Auszug 63 - Gastbeitrag: Alice, meine Bezugsbetreuerin 66 - Bring me back to life: Das Careleaver*innen-Treffen 72 Learnings 74 4. Zuhause und Kindsein in Schöni 81 - Alfe und Devin: Pflegeeltern, einfach so 81 - The gift of being little again for a while 84 - Valerias Randomvertrauensauffangfamily und Zukunftsrat 85 - (Er)Wachsen und eigene Wohnung 87 - Abschiedsbrief an A und D 91 - Komplett Careleaverin 92 Learnings 94

9 3. Mein Bauchschmerz 128 - Endometriose? 128 - Reizdarm? 130 - Meine (Jugendhilfe-) Blase 131 - Es geht immer nur ums Essen!? 132 Learnings 137 4. Abschied am Meer 139 - Das kluge Meer 139 - Und heute? 140 - Abschied vom Gesundsein? 141 Learnings 143 - Vom Fliegen 147 TEIL III: Time for new stories: Stories of hope 149 1. Meine etwas andere Großfamilie 152 - Meine DNA-Familie 152 - Herzverwandtschaft 155 - Und dann sind da noch… 158

10 2. How to unfrozen a heart: Die Magie der Kunst 163 - Ein Leben voller Musik und Tanz 163 - Kein Leben ohne Musical und Bühne 164 3. Growing up and dare to Dream 167 - Traumreise 167 - Alle brauchen Träume 168 - Drei Traumorte 169 - Die Fee und ihre drei Wünsche 172 4. Me, myself and I: Ich will mein eigenes Zuhause sein 173 5. Sprung in die Zukunft … zu den Sternen 175 Nachwort 178 Danksagung 182 Good to know 184

TEIL I ABSCHIEDE VON ZUHAUSE 17

1. DER ERSTE: ABSCHIED VON ZUHAUSE (FÜR MAMA) Ich war neun, als er starb. Ich war elf, als sie starb. Heute leben sie in getrennten Wohnungen, nur wenige Häuser voneinander entfernt. In Wahrheit haben sie sich aber viel weiter voneinander entfernt. Doch gleichzeitig verbindet sie so viel, dass sie ohneeinander nicht klarkommen. Miteinander wiederum auch nicht. Klingt kompliziert, ist es auch. Aber wie sagt man so schön, keiner hat gesagt, dass es einfach werden würde. Dieses Leben. Dieses verdammte Leben. Sie trennten sich. Und damit ist nicht nur ihre Ehe zerbrochen, sondern auch ich. Um genau zu sein, bin ich in tausend kleine Scherben zerbrochen. Und jetzt liege ich am Boden und versuche vergeblich, die vielen Scherben – mich – wieder zusammenzusetzen. Wie ein Kind, das versucht, ein Puzzle zusammenzusetzen, obwohl es die so wichtigen Randteile, die dem Puzzle einen Rahmen geben, verloren hat. Ich versuche alles wieder zu einem Ganzen zusammenzusetzen, auch wenn ich weiß, dass der Rand fehlt. Als wäre das der Schlüssel zu meinem Glück. Aber es geht hier nicht nur um mein Glück, mein Leben hängt von diesem Puzzle ab. Es muss wieder ein Ganzes werden. [Aus Valerias Textarchiv, 2018] 18

WO IST MEIN ZUHAUSE? Es ist der 15. September 2025, mein 22. Geburtstag, nach 22 Uhr und ich sitze an einer Bahnhaltestelle und warte auf die Bahn nach Hause. Ich sitze da, halte ein riesengroßes Kuscheltier im Arm, bin innerlich so hin- und hergerissen und weine. Falls irgendwas dem Gefühl vom Sterben nahekommt, dann muss es das sein, was sich gerade in meinem Inneren abspielt. Aber es ist kein sanftes Sterben. So muss es sich anfühlen, wenn alle inneren Organe qualvoll versagen, weil sie verbrennen, zerquetscht werden, platzen und jemand auf sie einsticht. Warum war ich denn auch so naiv gewesen? Warum hatte ich nur gedacht, dass der Tag kommen würde, an dem wir meinen Geburtstag wieder zusammen feiern könnten und sich das Zusammensein leicht anfühlte. Oder zumindest nicht mehr wie eine große, sondern nur noch wie eine kleine Katastrophe, eine aushaltbare. Vielleicht auch einfach wie etwas Schönes. Das hatte ich gedacht. Mir gewünscht. Auch heute, als ich zu meiner Mutter fuhr. Aber dann saß ich an ihrem Esstisch und weinte, während ich die Kerzen auf den Lillifee-Muffins auspustete. Ich wollte nicht weinen. Nicht, als ich zu meiner Mutter in die Wohnung kam, nicht, als ich meine Mutter anschrie, vor Wut auf die ganze Situation und das Leben, und auch nicht, als ich mich schließlich um halb zehn zum Abendessen an den Tisch setzte. Aber die Tränen liefen von alleine, sie liefen einfach davon, so wie ich ihnen eine halbe Stunde später hinterher. Weil ich es einfach nicht mehr aushielt, bei meiner Mutter zu sitzen und innerlich zu sterben, umgeben von ganz vielen Fotos von ihr, von mir, von meinen Geschwistern. Heute vor elf Jahren – elf Jahre, die Hälfte meines Lebens – hatten meine Mama und ich das letzte Mal richtig zusammen meinen Geburtstag gefeiert. Hätte ich damals gewusst, was danach kommen sollte, hätte ich mir beim Auspusten der elf Kerzen gewünscht, dass meine Mama niemals krank würde. Und dann wäre das alles nie passiert. Dann wäre sie nicht krank geworden, ich hätte nicht ausziehen müssen, ich wäre bei meiner Familie aufgewachsen und wäre jetzt nicht (weinend) hier. Aber hier bin ich. Am Leben. Heute kann ich mit meiner Mutter zwar wieder zusammen in einem Raum sitzen, wie noch vor einer Stunde bei ihr am Esstisch, aber ich sterbe dann innerlich, sie auch, und wir könnten in diesen Momenten nicht weiter voneinander entfernt sein. Denn anstatt in ihre Arme zu fallen, mich von ihr halten zu lassen und zu sagen, wie sehr sie mir fehlt, darf sie mich nicht 19

ABSCHIED VON ZUHAUSE berühren. Weil ich sonst nie wieder aufhöre zu weinen, das weiß ich ganz sicher. Und so vergeht die Zeit und ich wünsche mir nichts so sehr, als die Zeit zurückdrehen zu können. Zu dem Tag, als meine Mama noch meine Mama war. Doch dann schreit die Zeit mich an: „Ich hab’s dir doch gesagt. Es gibt kein Zurück. Es wird nie wieder so sein wie damals. Ihr werdet euch nie wieder so in den Arm nehmen können, als lägen die elf Geburtstage nicht zwischen euch. Ihr werdet nie wieder richtig zusammen sein können. Es geht einfach nur weiter, weiter, immer weiter.“ Und ich weiß, die Zeit spielt gegen uns. Irgendwann bist du tot. Wirklich tot. Und dann werde ich daran denken, wie ich immer wieder vor dir weggerannt bin, weil ich Angst vor dir hatte. Angst vor dem Menschen, den ich am meisten liebe. DIE KRANKHEIT MEINER MUTTER Ich werde mich für immer an die Nacht im Januar 2015 erinnern, als meine kleinen Geschwister, meine Mutter und ich bei meiner Oma übernachteten. Wir schliefen alle in einem Zimmer, alle zusammen auf einem Sofa. Wir lagen eng und friedlich nebeneinander, bis schlagartig alles anders wurde, für immer. Meine Mutter war ganz plötzlich der Meinung, sie würde ihren toten Vater sehen und könne mit ihm sprechen. Was in dieser Nacht sonst noch so alles in ihr vorging, weiß ich nicht. Was ich weiß, ist, dass ich bis heute nicht verstehe, wie von einem Moment auf den anderen alles anders wurde. Wie meine Mama plötzlich verschwand. Wie der Mensch, den ich am meisten auf dieser Welt liebte, mir fremd war und nie wieder derselbe war wie davor. Von dieser Nacht an begleiteten uns die Toten durch unser Leben. Sie ließen meiner Mutter keine Ruhe und beanspruchten ihre komplette Aufmerksamkeit. Ich kann mich erinnern, wie wir am Tag darauf zu Fuß durch den Park nach Hause liefen und ich zwei Stunden lang ungefähr zweihundert Mal „Mama“ rief. Ich kämpfte um ihre Aufmerksamkeit, sie sollte für einen Moment aufhören, mit irgendwelchen Toten zu reden und sich wieder um ihre drei kleinen Kinder kümmern. Was danach alles passierte, weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr genau. Ich weiß, dass wir zu der Zeit zu Hause keinen Strom hatten, weil meine Mutter die Rechnungen nicht hatte bezahlen können. Deswegen wohnten wir dann einige Wochen bei meiner Oma. 20

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