Bewerbung & Karriere

Jede Bewerbung ist die erste Bewerbung

Eine Ermutigung, an Zweifeln zu zweifeln

Eine promovierte Chemikerin hat in fünf Jahren 40 Bewerbungen geschrieben – ohne Erfolg. Vor wenigen Tagen hat sie mich gefragt, was sie falsch macht. Möglicherweise gar nichts! Denn keine oder nur wenige Rückmeldungen zu erhalten, ist nichts Ungewöhnliches. Ähnlich erging es auch Armin Trost, Professor für Personalmanagement an der Hochschule Furtwangen, der zwei hoch qualifizierte, fiktive Kandidaten ins Rennen um einen Arbeitsplatz schickte. Beide schrieben 100 Bewerbungen und… erhielten gerade einmal vier Einladungen!

Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie das mit dem vermeintlichen Fachkräftemangel zusammenpasst. Eine jüngst veröffentlichte Untersuchung zeigt, dass jedes zweite Unternehmen über Umsatzeinbußen klagt, da das erforderliche Personal fehlt. Die Höhe der entgangenen Einnahmen wird auf 46 Milliarden Euro beziffert. Doch belassen wir es dabei; über dieses Thema habe ich bereits an anderer Stelle berichtet.

Wenn sich der Erfolg partout nicht einstellen will

Gründe, warum Arbeitgeber und Arbeitnehmer nicht zusammenfinden, gibt es viele. Das hängt allein schon mit dem System der Reaktion auf ausgeschriebene Stellen zusammen und nicht zuletzt mit dem intransparenten Auswahlverfahren. Was aber bewirken derart viele Absagen beim Bewerber? Kaum einer, an dem so etwas spurlos vorübergeht.

Will sich der Erfolg partout nicht einstellen, werden unweigerlich Rückschlüsse auf die eigene Qualifikation gezogen, Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl leiden. Die nächste Bewerbung wird mit weniger Zutrauen geschrieben. Und im Vorstellungsgespräch – sofern überhaupt eine Einladung erfolgt – schwingt Unsicherheit mit. Eine Abwärtsspirale!

Der Rekrutierungsprozess – eine Black Box

Natürlich müssen Unterlagen in guter Qualität erstellt werden. Eine Bewerbung soll die Qualifikation, Leistungen und Persönlichkeit eines Kandidaten transportieren. Aber auch wenn dies der Fall ist, gleicht der Rekrutierungsprozess häufig einer Black Box. Hier gilt es, sich mit zwei Gedanken vertraut zu machen:

  • Zunächst empfiehlt es sich, den Spieß umzudrehen. Statt sich ausschließlich auf ausgeschriebene Stellen zu bewerben, sollte der verdeckte Arbeitsmarkt erschlossen werden. Dort konzentriert sich laut Arbeitsagentur eine kleine Gruppe von ca. 5 Prozent der Bewerber auf ein umfangreiches Angebot von 70 Prozent aller Vakanzen.
  • Und zweitens: Die Masse macht’s. Wenn beispielsweise eine Vorauswahl in der Personalabteilung stattfindet (attraktive Frauen wurden an dieser Stelle übrigens häufig aussortiert) und Fachabteilungen eher „unqualifiziert“ und häufig nach Sympathie entscheiden, müssen schlichtweg mehr Bewerbungen erstellt werden. Als Richtwert mag gelten, dass aus 100 Bewerbungen ca. 10 Einladungen erfolgen und daraus drei bis vier Vertragsangebote. All das hängt selbstverständlich vom Profil, der Qualität der Unterlagen sowie dem Zeitpunkt der Bewerbung ab.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Noch einmal zurück zur Frustration. Mein Plädoyer: Werfen Sie Ihre Minderwertigkeitsgefühle über Bord. Im Nachhinein werden Sie feststellen, dass es irgendwann bei einem bestimmten Arbeitgeber „funktioniert“ hat. Das Warum lässt sich häufig gar nicht beantworten. Sie waren zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle. Hier hat es einfach gepasst! In Ihrem Fall war es vielleicht Bewerbung 37 oder auch Nummer 56 oder vielleicht gar der 93. Versuch. Halten Sie sich immer vor Augen: Es hätte auch die erste Bewerbung sein können! Und für den Arbeitgeber, der Sie einstellt, war es der Erstkontakt zu Ihnen. Gewinnen Sie somit im Bewerbungsprozess Abstand zu Enttäuschungen. Lassen Sie diese nicht mitschwingen. Und finden Sie zur Realität: Jede Bewerbung ist die erste Bewerbung!


Über den Autor

Vincent G.A. Zeylmans van Emmichoven, Experte in Sachen Bewerbung , gibt Einsteigern, erfahrenen Arbeitnehmern und Quereinsteigern Tipps zum richtigen Verhalten im Bewerbungsgespräch, zum verdeckten Arbeitsmarkt und vielen weiteren spannenden Fragen rund um Bewerbung und Karriere. Als SZ-Jobcoach schreibt er regelmäßig für die Süddeutsche Zeitung.

Jeden Monat zeigt er innovative und teils kuriose Ansichten und Herangehensweisen an Probleme, die garantiert jeder Bewerber in seinem Leben einmal erlebt hat - vom Bewerbungsprozess bis hin zum heiß ersehnten Gespräch, vom Berufseinstieg bis zum beruflichen Neuanfang.

Vincent G.A. Zeylmans van Emmichoven blickt auf eine internationale Karriere als Geschäftsführer mehrerer mittelständischer Unternehmen und Konzerne (u.a. Yves Rocher und Gillette) zurück. Der Karriere-Coach hält als Gastdozent am MCI Management Center Innsbruck Vorträge zum Thema Job-Hunting, verfasst Beiträge für das Magazin FOCUS und ist Kolumnist bei der Süddeutschen Zeitung.

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