Bewerbung & Karriere

Ist Sympathie im Bewerbungsprozess bedeutend?

Die Rolle von Emotionen bei der Suche nach einem neuen Job!

Letzte Woche konnte man ein spannendes Phänomen beobachten. Die Schweizer Harvard-Professorin Iris Bohnet plädierte für streng rationelle Bewerbungsprozesse. Computer könnten alles besser. Demnach sollten Algorithmen die Vorauswahl bei Bewerbungen treffen. Wir Menschen ließen uns von (Vor)Urteilen führen. Deshalb plädiert Prof. Bohnet dafür, alle Informationen in einem Lebenslauf, die ungewollte Assoziationen hervorrufen könnten, zu streichen.

Bewerbungsbilder, Alter, Geschlecht sowieso. Aber auch die Universität, an welcher der Kandidat studiert hat. Sie selbst ist bei der Anstellung ihrer Assistentin  so verfahren. Im Vorfeld hatten alle Kandidaten noch – ohne mit ihr persönlich zusammen zu sein – Probearbeiten absolviert. Eines Tages saßen ihr somit nacheinander sechs Personen gegenüber, die vom computergesteuerten „peoples analytics“ ausgewählt worden waren. Auch zu diesem Zeitpunkt wollte sie sich nicht von Sympathie leiten lassen. Somit stellte sie allen die gleichen Fragen und wertete diese aus.

Analyse schlägt Emotion!

Ihre These: Wir analysieren alles, von Finanzen bis zum Marketing – aber beim Personalauswahlverfahren verlassen wir uns auf unsren Bauch. Ihre Aussage: „Wir haben alle Stereotype im Kopf: Das ist typisch Frau, das typisch Mann. Der spielt Golf, der ist ein Snob, die hat einen Akzent, die ist provinziell. Deshalb suchen viele Firmen Mitarbeiter aus, die ihren Klischees entsprechen. Und es gibt immer noch so wenige Frauen in technischen Berufen und Führungspositionen, aber auch kaum männliches Personal im Kindergarten oder im Pflegeheim.“ Persönlich hat sie gegengesteuert und sich für die Kandidatin die – laut Vorauswahl – am besten geeignet erschien, entschieden. Die persönliche Chemie spielte für Sie keine Rolle.

Sie ging vor, wie es mittlerweile bei vielen Orchestern üblich ist: Neue Mitglieder spielen hinter einem Vorhang, so dass nur die Qualität der Musik zählt und keine anderen Faktoren.

Oder doch nicht?

Ganz anders sieht dies der Bericht von Nane Nebel, Mitautorin des Buches „Die CEO-Bewerbung“. Sie hielt – ebenfalls in der vergangenen Woche – ein Plädoyer für Emotionen im Bewerbungsverfahren unter der Überschrift „Den richtigen Job finden Sie nur mit Emotionen“. Als Untertitel: „Der Bewerbungsprozess ist ein hochemotionaler Prozess, der einer Achterbahnfahrt der Gefühle gleicht.“ Sie erkennt diese Tatsache nicht nur an und hebt sie hervor; nein, sie betont die Bedeutung der Sympathie im Bewerbungsprozess. Deshalb weist sie darauf hin, wie bedeutend ein freundliches Bewerbungsbild ist, denn Kandidaten mit einem gewinnenden Bild erhöhen ihre Chancen eingestellt zu werden.

Was bedeutet das für Bewerber? Prof. Bohnet meint: "Bewerbungsgespräche wird es in zehn Jahren nicht mehr geben." Das ist fragwürdig. Denn sogar die Personen, die an dieses Prinzip glauben, leben es häufig nicht in der Praxis. Leonard Bernstein, der frühere Chefdirigent des New York Philharmoniker erkannt die Tatsache des Vorhangs an – sah sich aber selbst außerhalb des Systems. Das gleiche gilt für Personalchefs und CEOs, die zwar theoretisch an die Validität der Untersuchungen glauben, in der Praxis aber meinen zu wissen, worauf es bei Personaleinstellungen ankommt. Diese Randbemerkungen stammen übrigens von Prof. Bohnet selbst.

Tragen anonyme Bewerbungen zu mehr Gerechtigkeit bei?

Bei Siemens kam im Sommer 2016 die Frage nach der anonymen Bewerbung auf. Der Konzern hatte sich intensiv damit befasst, nur um zum Schluss zu kommen, diese Variante zu verwerfen. Es war zwar nachweisbar, dass andere Personen zum Interview eingeladen wurden als sonst, aber nicht, dass diese auch eingestellt wurden.

Was bedeutet das für den Bewerber?

Auch wenn es sich banal anhört: So lange wir noch nicht von Computern selektiert werden, haben wir mit Menschen zu tun. Und – in der Tat – werden Menschen auch von Emotionen gesteuert. Der Arbeitgeber kann im Bewerbungsverfahren nicht „Nicht-Empfinden“. Die Chance für einen ersten Eindruck besteht für Sie nur wenige Sekunden. Und erhängt bereits mit der Aufbereitung Ihrer Bewerbungsunterlagen zusammen. Ein gutes Layout, ein professionelles Bild – vielleicht kann sich Ihr Gegenüber nicht der ganzheitlichen Wirkung von einer schönen Papierbewerbung entziehen. Recht rasch befinden Sie sich entweder auf dem (gedanklichen oder echten) Stapel der Kandidaten, die weiter im Rennen sind – oder eben auch nicht. Wenn die Verpackung der Unterlagen überzeugt, ist die Chance gegeben, dass sich das Unternehmen auch vertiefend mit dem Inhalt befasst. Auch dieser soll natürlich überzeugen. Sie haben jedoch – bis zum Schluss – mit Menschen zu tun. Diese wollen nicht alles wissen, sondern das Wesentliche. Sie wollen eine Struktur in der Bewerbung erkennen und keine Zeit vergeuden. Wer versteht, dass sein Gegenüber Emotionen hat und diese berücksichtigt, hat bessere Chancen im Bewerbungsverfahren. Auf alle Fälle auf absehbare Zeit!

Über den Autor

Vincent G.A. Zeylmans van Emmichoven, Experte in Sachen Bewerbung , gibt Einsteigern, erfahrenen Arbeitnehmern und Quereinsteigern Tipps zum richtigen Verhalten im Bewerbungsgespräch, zum verdeckten Arbeitsmarkt und vielen weiteren spannenden Fragen rund um Bewerbung und Karriere. Als SZ-Jobcoach schreibt er regelmäßig für die Süddeutsche Zeitung.

Jeden Monat zeigt er innovative und teils kuriose Ansichten und Herangehensweisen an Probleme, die garantiert jeder Bewerber in seinem Leben einmal erlebt hat - vom Bewerbungsprozess bis hin zum heiß ersehnten Gespräch, vom Berufseinstieg bis zum beruflichen Neuanfang.

Vincent G.A. Zeylmans van Emmichoven blickt auf eine internationale Karriere als Geschäftsführer mehrerer mittelständischer Unternehmen und Konzerne (u.a. Yves Rocher und Gillette) zurück. Der Karriere-Coach hält als Gastdozent am MCI Management Center Innsbruck Vorträge zum Thema Job-Hunting, verfasst Beiträge für das Magazin FOCUS und ist Kolumnist bei der Süddeutschen Zeitung.

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