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Arbeitsmarktbezogene Grundzusammenhänge

hinweg – zu einer allmählichen Veränderung im Bevölkerungsaufbau

kommt.

Allerdings gilt auch, dass Prognosen unerwartete Verhaltensänderungen

und Migrationsströme nur unzureichend projizieren können. Wer hätte im

Babyboom Deutschlands der 50er-Jahre schon mit einem so nachhaltigen

Rückgang der Geburten gerechnet? Politische Entscheidungen und Zu-

kunftserwartungen der Bevölkerungen sind als Summe von Millionen Ein-

zelentscheidungen kaum zuverlässig prognostizierbar.

Es zeigt sich immer wieder das in der wissenschaftlichen Forschung be-

kannte „Projektionstrilemma“, dass man nicht gleichzeitig die Güte der

Aussage (Qualität), die Detailgenauigkeit der Aussage (Tiefe) und die

Reichweite (zeitliche Dimension) gleichermaßen optimieren kann. Jede

Veränderung einer Seite geht zulasten der beiden anderen Seiten.

Wanderungen

Der dritten Größe ist es zu verdanken, dass sich diese Bevölkerungstrends

bisher in der bundesrepublikanischen Wirtschaft und Gesellschaft noch

nicht in aller Schärfe zeigen. Das alte Bundesgebiet wies – mit wenigen

Ausnahmen – immer einen deutlichen Überschuss im Wanderungssaldo

auf, der Anfang der 90er-Jahre die Millionengrenze überschritt. Seit die-

sem Zeitpunkt verringern sich die Zuwanderungsraten kontinuierlich und

weisen für 2008 bei der Zu-/Abwanderung sogar ein negatives Vorzeichen

auf (vgl. Abbildung 2). Bedeutsam in diesem Zusammenhang sind auch die

überproportional hohen Abwanderungen der deutschen Bevölkerung ins

Ausland.

Auf den Umfang der Zu- und Abwanderung ausländischer Staatsangehöri-

ger wirkten sich die Maßnahmen der Bundesregierung zur Steuerung der

Wanderungsströme aus. Von besonderer Bedeutung waren in diesem Zu-

sammenhang der 1973 erlassene Anwerbestopp, das Rückkehrhilfegesetz

von 1983 sowie asyl- und zuwanderungsrechtliche Maßnahmen im Zuge

gesamteuropäischer Regelungen.

Schon mehrfach hatte Deutschland befürchtet, nach einer Grenzöffnung

von Migrationsströmen überrannt zu werden. Zuletzt war die Öffnung zu

den ost- und südosteuropäischen Beitrittsstaaten mit diesem Argument

verzögert worden. Von dieser Verzögerung profitierten während der Kon-

junkturerholung 2006–2008 insbesondere Großbritannien und Irland. Die

meisten Szenarien gehen momentan davon aus, dass auch bei einer ver-

stärkten Zuwanderung aus Ost- und Südosteuropa die Auswirkungen auf

die deutsche Arbeitslosigkeit gar nicht oder nur gering sein werden und

dass die Zuwanderung nicht ausreicht, den demografischen Effekt nach-

haltig aufzuheben (vgl. Baas/Brücker 2010). Allerdings zeigen neuere Erhe-

bungen, dass die Migrationsbewegungen aus dem ost- und südeuropäi-

schen Raum deutlicher zugenommen haben, als zunächst angenommen.