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1.1 Arbeitsmarktbezogene Grundzusammenhänge

In den meisten Lehrbüchern zur allgemeinen Volkswirtschaftslehre spielt

das Thema Arbeitsmarkt eine eher marginale Rolle (siehe stellvertretend

für viele: Baßeler u. a. 2010 oder Altmann 2009). Die Funktionsweisen von

Arbeitsmärkten werden in kürzeren Kapiteln und zumeist „weiter hinten“

abgehandelt. Diesseits spezieller VWL-Literatur zu Fragen der „Labour Eco-

nomics“ (z. B. Borjas 2012, Franz 2009) erhält bestenfalls das Phänomen der

Arbeitslosigkeit ein größeres Augenmerk, oft in Verbindung mit Themen-

komplexen zur Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik. Diese Beobachtung

sollte uns nicht überraschen, denn für die das Fachgebiet ideologisch do-

minierenden Ökonomen neoklassischer Provenienz gibt es zunächst ein-

mal keine Besonderheiten der Ware Arbeitskraft und deren Markt im Ver-

gleich zu anderen Waren. Der Arbeitsmarkt ist in ihren Augen ein Markt

wie jeder andere. Für den Faktor Arbeit gelten deshalb im Wesentlichen

die gleichen Gesetzmäßigkeiten wie für alle übrigen Waren und Dienstleis-

tungen. „Insoweit ist die neoklassische Arbeitsmarkttheorie lediglich ein

Spezialfall der allgemeinen Gleichgewichtstheorie, aus der sie abgeleitet

wird. Die Betrachtung des Arbeitsmarktes ist also vom Standardmodell des

Gütertauschs geprägt. Der Lohn wird als Preis des Produktionsfaktors Ar-

beit interpretiert und wie alle anderen Preise durch Angebot und Nach-

frage bestimmt“ (Sesselmeier u. a. 2010, S. 76).

Für Fachkräfte in der Beschäftigungsförderung stellt sich aber schnell die

Frage: Ist diese Sichtweise korrekt? Existieren nicht Spezifika, welche den

Arbeitsmarkt von anderen Märkten so gravierend unterscheiden, dass wir

weder Löhne mit Preisen noch Arbeitskräfte mit materiellen Gütern wie

Waschmittel oder Kaugummis gleichsetzen können? Erleben Sie nicht oft

genug, mit welchen Schwierigkeiten von Arbeitslosigkeit betroffene Men-

schen hinsichtlich einer Beschäftigungssuche und -aufnahme zu kämpfen

haben? In dieser Richtung sollen vier Aspekte zum Nachdenken anregen:

Erstens: Das Geld, welches in Form von Löhnen und Gehältern aus Erwerbs-

tätigkeit fließt, stellt für den überwiegenden Teil der Bevölkerung immer

noch die wichtigste Einkommensquelle dar. An der Notwendigkeit, die ei-

gene Arbeitskraft zu Markte zu tragen, hat sich für die meisten Personen

in den letzten 100 Jahren kaum etwas verändert – trotz des enormen Wirt-

schaftswachstums. Noch immer gilt, dass unsere persönliche Wohlfahrt

mehr oder minder von unseren Beschäftigungschancen bestimmt wird.

Durchschnittlich entspringen über 60 Prozent des gesamten verfügbaren

Einkommens privater Haushalte dem Entgelt aus Arbeitsleistungen (vgl.

Krebs/Behrends 2002). Demzufolge haben Faktoren, welche auf die Löhne

in ihrer Struktur, Höhe und Entwicklung wirken, einen gravierenden Ein-

fluss auf die jeweiligen Einkommensverhältnisse. Arbeitslosigkeit, welcher

Art auch immer, die durch offenkundiges Arbeitsmarktversagen hervorge-

rufen wird, ebenso wie Niedriglöhne, die durch ein systemisches Machtge-

fälle zwischen Anbietern und Nachfragern von Beschäftigung induziert

werden, sollten wir daher mit größter Sorge betrachten.