Bewerbung & Karriere

Der Lebenslauf des Scheiterns

Abkürzungen zum Erfolg? – Gibt es nicht!

Zwischen 1800 und 1900 hat sich das weltweite Wissen verdoppelt, zwischen 1900 und 2000 sogar verzehnfacht! Die Welt wird „kleiner“, zusammenhängender und schneller. Der angelsächsische Raum verwendet dafür den Begriff VUCA: Volatility (Unberechenbarkeit), Uncertainty (Ungewissheit), Complexity (Komplexität) und Ambiguity (Ambivalenz).

Leistungen werden dabei nicht länger mit denen des unmittelbaren Nachbarn verglichen. Der IT-Programmierer steht im Wettbewerb mit Kollegen in Indien. Die Dorfschönheit verfolgt am Abend die Übertragung der Miss World-Wahl im Fernsehen. Ein YouTube-Video erhält erst dann Aufmerksamkeit, wenn es 50.000 Mal geklickt wurde. Und nur wer auf Facebook die Millionen mobilisiert, kann etwas auf sich halten.

Das neue Zauberwort: Resilienz

In dieser schnelllebigen Welt ist das Außergewöhnliche die neue Normalität. In einem globalen Dorf fallen nur noch wenige auf. Nicht jeder hält das Rennen durch. Resilienz-Seminare sprießen wie Pilze aus dem Boden. Die Frage, wie Spannkraft aufgebaut werden kann, gerät zur Lebensnotwendigkeit. Wer den eigenen oder fremden Ansprüchen nicht gerecht wird, findet Trost bei einem Burn-out-Berater.

Für Verlieren ist bei diesem Wettlauf kein Platz. Bewerber müssen dies zunehmend – mitunter auch schmerzhaft – feststellen. Die Bewerbungslektüre redet von Erfolgen. Aber was, wenn diese nicht mit der eigenen Realität übereinstimmen? Wer 35 Bewerbungen versendet und dennoch keinen neuen Job findet, sieht sich als Versager.

„Diese Jobs habe ich alle nicht bekommen …“

Vor wenigen Tagen veröffentlichte das Manager Magazin den Artikel Die Beichte des Princeton-Professors: Diese Jobs habe ich alle nicht bekommen. In seinem Lebenslauf stehen zwei Doktortitel, 33 Veröffentlichungen, neun Preise und Stipendien. Weiter erklärt er, dass er zur Aufnahme eines Studiengangs fünfmal abgelehnt wurde. Dreimal schlug seine Bewerbung für eine Assistenzprofessur fehl. Seine Faustformel lautet „Eins zu Sechs“: Für jede Stunde an erfolgreichen Projekten arbeitete er sechs Stunden an anderen, die scheiterten.

Knochenjob und Unterwerfungsritual

Von einem meiner Kunden erhielt ich einst folgende Nachricht:

Lieber Herr Zeylmans,

ein herzliches Dankeschön für Ihren Einsatz und Ihre Unterstützung (sowie die aufmunternden Worte) bei meinem Bewerbungsverfahren und dem Unterlagen-Check.

Vor Kurzem habe ich einen Vertrag für eine Funktion als kaufmännischer Leiter (Personalverantwortung 30 Leute) mit Option auf kaufmännischer GF in einem Maschinenbauunternehmen in Frankfurt/Main unterzeichnet. Umsatz: ca. 80 Mio. Euro, 200 Mitarbeiter in Frankfurt, ca. 450 Mitarbeiter weltweit.

Insgesamt hatte ich eine Quote (ich denke, das interessiert Sie) von 55 schriftlichen Bewerbungen, 2 Stellengesuchen in der FAZ, 3 Stellengesuchen im Internet, 8 Vorstellungsgesprächen (ohne doppelte Gespräche). Zweimal habe ich von meiner Seite abgesagt, 2 Angebote liegen mir jetzt vor.

Unterwegs war ich an ca. 15 Arbeitstagen und habe ca. 7.000 bis 9.000 km zurückgelegt. Das Ganze ging über ca. 4 bis 5 Monate. Pro Tag kann man gut sieben Stunden Arbeitszeit ansetzen.

Zum Erfolg haben letztlich die zwei Stellengesuche in der FAZ sowie die im Internet geführt.

Damit bestätigt sich auch in meinem Beispiel: Proaktiv funktioniert besser.

Insgesamt habe ich das Verfahren als „Knochenjob“ und natürlich auch als „Unterwerfungsritual“ empfunden. Aber am Ende hat es sich gelohnt. Ich habe eine Menge gelernt und mich darüber hinaus auch verbessert, zumindest aus heutiger Sicht. Jetzt genieße ich die Zeit, bis es wieder losgeht, und bilde mich natürlich weiter.

Fazit

Abkürzungen zum Erfolg gibt es nicht! Wir sehen zwar bei anderen, dass deren Vorhaben gelingen, wissen aber nicht, welcher Preis dafür bezahlt wurde. Abgesehen von statistischen Ausnahmen ist der Weg zur nächsten beruflichen Station – gerade wenn die Entscheidung unfreiwillig war – auch mit Enttäuschung, dem Kampf mit dem Selbstwertgefühl und einem Ausharren bei Misserfolgen verbunden. Wer all dies erfährt, erlebt die Realität, auch wenn darüber nur in Ausnahmefällen berichtet wird.


Über den Autor

Vincent G.A. Zeylmans van Emmichoven, Experte in Sachen Bewerbung , gibt Einsteigern, erfahrenen Arbeitnehmern und Quereinsteigern Tipps zum richtigen Verhalten im Bewerbungsgespräch, zum verdeckten Arbeitsmarkt und vielen weiteren spannenden Fragen rund um Bewerbung und Karriere. Als SZ-Jobcoach schreibt er regelmäßig für die Süddeutsche Zeitung.

Jeden Monat zeigt er innovative und teils kuriose Ansichten und Herangehensweisen an Probleme, die garantiert jeder Bewerber in seinem Leben einmal erlebt hat - vom Bewerbungsprozess bis hin zum heiß ersehnten Gespräch, vom Berufseinstieg bis zum beruflichen Neuanfang.

Vincent G.A. Zeylmans van Emmichoven blickt auf eine internationale Karriere als Geschäftsführer mehrerer mittelständischer Unternehmen und Konzerne (u.a. Yves Rocher und Gillette) zurück. Der Karriere-Coach hält als Gastdozent am MCI Management Center Innsbruck Vorträge zum Thema Job-Hunting, verfasst Beiträge für das Magazin FOCUS und ist Kolumnist bei der Süddeutschen Zeitung.

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