Bewerbung & Karriere

Der Gorilla im Basketballspiel

Selektive Wahrnehmung im Bewerbungsverfahren

Unlängst schrieb mir ein Klient aus Stuttgart: „Ich möchte mich um eine Position bewerben, für die ich keine Berufserfahrung vorweisen kann. Wäre es dann nicht sinnvoll, auf meine besondere Stärke hinzuweisen, nämlich mich auch in der Vergangenheit immer wieder in völlig neue Themengebiete eingearbeitet zu haben?“

Keine Angst – der Marketing-Spezialist hatte nicht vor, in die Schafzucht einzusteigen. Und auch der Fertigungsleiter wollte nicht in die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit wechseln. Mich hatte jemand aus dem IT-Support kontaktiert, der eine Stelle im Verkaufsinnendienst anstrebte. Ein Blick auf die Kompetenzen meines Klienten ließ mich verstehen, warum er diese Entscheidung getroffen hatte. Zudem war er hoch motiviert. Und er hatte bereits in angrenzenden Bereichen Leistungen unter Beweis gestellt – aber eben nicht als Teamleiter im Vertriebsinnendienst.

Kleiner Exkurs: Das Gorilla-Experiment

Die beiden amerikanischen Psychologen Christopher Chabris und Daniel Simons produzierten einen Kurzfilm, in dem sich die Mitglieder zweier Basketball-Mannschaften gegenseitig Bälle zuspielen. Das eine Team trägt schwarze Hemden, das andere weiße. Die Zuschauer sollten nun die Ballwechsel des weißen Teams zählen. In der Mitte des Films taucht unverhofft eine als Gorilla verkleidete Person auf und bewegt sich neun Sekunden lang auf dem Spielfeld. Fast alle kommen zu dem richtigen Ergebnis, jedoch fiel der Hälfte der Zuschauer nichts Ungewöhnliches auf!

Das perfekte Vorstellungsgespräch?

Ich selbst wurde einmal zu einem Vorstellungsgespräch bei einem internationalen Krankenhausausstatter eingeladen. Meine Unterlagen hatten überzeugt. Das Erstgespräch erfolgte mit der Personalleiterin. Gerne erinnere ich mich an die angenehme Atmosphäre zurück. Ich zeigte aufrichtiges Interesse und hörte aufmerksam zu, hie und da stellte ich eine Frage. 90 Prozent der Zeit hatte jedoch die Personalleiterin gesprochen, so war zumindest mein Eindruck. Dieses Muster wiederholte sich in einem Zweitgespräch mit meiner vorgesetzten Stelle sowie in einer dritten Begegnung mit dem Vice President.

Auch wenn dies ungewöhnlich erscheinen mag – die drei waren sich einig, dass ich für die Führungsposition prädestiniert sei. Zurückschauend auf die Gespräche kann ich beim besten Willen nicht sagen, welche meiner Aussagen sie zu dieser Überzeugung kommen ließen. Letztlich erhielt ich eine Zusage und wurde eingestellt.

Sicherlich ist dies kein Musterbeispiel für das perfekte Vorstellungsgespräch, weder seitens des Unternehmens, noch meinerseits. Aber es zeigt, dass Betrachter eine Situation durchaus selektiv wahrnehmen. Sie sehen, was sie sehen wollen, und finden im Gespräch die Bestätigung für bestimmte Vorstellungen, ähnlich wie es auch Basketballspiel der Fall ist.

Stärken herausstellen

Meinem Klienten habe ich geraten, seine Stärken in den Vordergrund zu stellen, nicht seine Defizite. Wenn sich ein Kandidat als Leiter für den Vertriebsinnendienst bewirbt, hat der Arbeitgeber ein bestimmtes Bild vorab im Kopf. Einzelheiten aus dem Anschreiben und Lebenslauf bestätigen seine Vorstellung von dieser Funktion. In einem persönlichen Gespräch lassen sich letzte Fragen klären. Wer auf Schwächen hinweist – auch wenn noch so gut argumentiert wird –, richtet den Scheinwerfer auf den Gorilla. Das bis dahin Unsichtbare wird transparent und bleibt ein Störfaktor. Kaum ein Bewerber erfüllt die Anforderungen zu 100 Prozent. Der Arbeitgeber weiß das.

Aktuell stehen die Zeiten ohnehin gut für Bewerber: Die geburtsstarken Jahrgänge, die sogenannten Babyboomer, scheiden aus dem Arbeitsprozess aus und gehen in Rente. Die Generation Y rückt nach. Vor diesem Hintergrund können es sich immer weniger Arbeitgeber leisten, an Idealvorstellungen festzuhalten. Es reift die Einsicht: Wenn ein Kandidat und dessen Persönlichkeit zum Unternehmen passt, findet sich für etwaige Kompetenz-Lücken recht schnell eine verhältnismäßig einfach Lösung.

Fazit: Es ist völlig legitim, eine Bewerbung zu verfassen, auch wenn lediglich 70 Prozent der gewünschten Kriterien abgedeckt werden.


Über den Autor

Vincent G.A. Zeylmans van Emmichoven, Experte in Sachen Bewerbung , gibt Einsteigern, erfahrenen Arbeitnehmern und Quereinsteigern Tipps zum richtigen Verhalten im Bewerbungsgespräch, zum verdeckten Arbeitsmarkt und vielen weiteren spannenden Fragen rund um Bewerbung und Karriere. Als SZ-Jobcoach schreibt er regelmäßig für die Süddeutsche Zeitung.

Jeden Monat zeigt er innovative und teils kuriose Ansichten und Herangehensweisen an Probleme, die garantiert jeder Bewerber in seinem Leben einmal erlebt hat - vom Bewerbungsprozess bis hin zum heiß ersehnten Gespräch, vom Berufseinstieg bis zum beruflichen Neuanfang.

Vincent G.A. Zeylmans van Emmichoven blickt auf eine internationale Karriere als Geschäftsführer mehrerer mittelständischer Unternehmen und Konzerne (u.a. Yves Rocher und Gillette) zurück. Der Karriere-Coach hält als Gastdozent am MCI Management Center Innsbruck Vorträge zum Thema Job-Hunting, verfasst Beiträge für das Magazin FOCUS und ist Kolumnist bei der Süddeutschen Zeitung.