Bewerbung & Karriere

Das wichtigste Einstellungskriterium ist die Persönlichkeit

Vor einigen Jahren bot ich über ein Karriereportal die Überprüfung von Bewerbungsunterlagen an. Eines Tages meldete sich ein promovierter Mathematiker, der sich in den vergangenen zehn Jahren eine erfolgreiche Karriere bei VW in der Schnittstelle zwischen IT und Produktionssteuerung aufgebaut hatte. Nun stand für ihn ein Wechsel an und er nahm meine Unterstützung in Anspruch.

Ich bat ihn, mir seine Bewerbungsunterlagen in der Form zuzusenden, wie er sie auch einem Arbeitgeber zukommen lassen würde. Am nächsten Tag erhielt ich ein geöffnetes, braunes Kuvert mit einer Automatenmarke. Mein Name war falsch geschrieben. In der Bewerbungsmappe war ein Deckblatt eingeheftet. Dieses war wohl eine Kopie von einem Originalblatt mit einem Foto. Auf meiner Version war nun das kopierte Bewerbungsbild mit der Aufschrift „Lebenslauf“ sowie den Kontaktdaten sichtbar.

Sein und Schein

Ich meldete mich bei ihm und teilte ihm mit, dass wohl ein Missverständnis vorlag. Er erwiderte aber, dass er diese Vorgehensweise für ihn normal sei und wo das Problem lag. Ich hatte bis dahin mit vielen Bewerbern zu tun gehabt – aber eine derartige Diskrepanz zwischen „Sein“ und „Schein“ war selbst für mich neu. Auch mein Mandant hatte offensichtlich lediglich seine – unzweifelhaften – Erfolge und Leistungen vor Augen. Im Gespräch erwähnte ich, dass die Persönlichkeit unweigerlich mit den Ergebnissen in Zusammenhang gebracht wird. Wer im Bewerbungsprozess chaotisch wirkt, kann nicht als strukturierte Persönlichkeit wahrgenommen werden. An dieser Logik hatte er nichts auszusetzen, nur hat er sie nicht auf sich übertragen.

Schließlich überarbeitete er seine Bewerbung akribisch, schickte sie an fünf der Top 100 Headhunter in Deutschland und erhielt vier Einladungen zum Vorstellungsgespräch.

Wie wird unsere Person wahrgenommen?

Wir leben in einem Deutschland, in dem den Hard Facts eine große Bedeutung beigemessen wird. Das ist zwar berechtigt, doch wird dabei die Tragweite subjektiver Persönlichkeitseinschätzungen unterschätzt.

Wir haben bekanntlich keine zweite Chance für einen ersten Eindruck, der ja bereits in den ersten Sekunden entsteht.. Ein Personalleiter, der optisch wenig überzeugende Unterlagen erhält wird diese – wenn überhaupt – eher selektiv und kritisch durchlesen.

In Kommunikation zählt nicht nur der Inhalt…

Wer zu einem Telefoninterview eingeladen ist tut gut daran, sich nicht nur auf den Gesprächsinhalt vorzubereiten. Der Psychologe Albert Mehrabian stellte fest, dass Kommunikation schwerpunktmäßig über die Intonation und Körpersprache stattfindet. Beim Telefonat spielt die Stimme also eine nicht zu unterschätzende Rolle. In einem Skype-Meeting soll der Bewerber darüber hinaus auch mit der Körpersprache überzeugen.

Vor wenigen Tagen veröffentlichte eine Zeitschrift die Geschichte von Churchills Mutter,die vor der Wahl in England ein Gespräch mit den beiden Kanzlerkandidaten Gladstone und Disraeli führte. Ihr Fazit: „Nach dem Termin mit Gladstone hatte ich das Empfinden, er sei der schlauste Mann in England.“ Nach dem Gespräch mit Disraeli hingegen hatte sie das Gefühl, „die schlaueste Frau zu sein.“ Er hatte ihr den ganzen Abend aufrichtig zugehört, sie wertgeschätzt und wirkliches Interesse an ihr gezeigt. Somit vermittelte er Respekt und gewann die Wahl.

Die Aktualität des Beispiels zeigt eine Monster-Studie von 2015, die zu dem Ergebnis kam: Das wichtigste Einstellungskriterium ist die Persönlichkeit!

Über den Autor

Vincent G.A. Zeylmans van Emmichoven, Experte in Sachen Bewerbung , gibt Einsteigern, erfahrenen Arbeitnehmern und Quereinsteigern Tipps zum richtigen Verhalten im Bewerbungsgespräch, zum verdeckten Arbeitsmarkt und vielen weiteren spannenden Fragen rund um Bewerbung und Karriere. Als SZ-Jobcoach schreibt er regelmäßig für die Süddeutsche Zeitung.

Jeden Monat zeigt er innovative und teils kuriose Ansichten und Herangehensweisen an Probleme, die garantiert jeder Bewerber in seinem Leben einmal erlebt hat - vom Bewerbungsprozess bis hin zum heiß ersehnten Gespräch, vom Berufseinstieg bis zum beruflichen Neuanfang.

Vincent G.A. Zeylmans van Emmichoven blickt auf eine internationale Karriere als Geschäftsführer mehrerer mittelständischer Unternehmen und Konzerne (u.a. Yves Rocher und Gillette) zurück. Der Karriere-Coach hält als Gastdozent am MCI Management Center Innsbruck Vorträge zum Thema Job-Hunting, verfasst Beiträge für das Magazin FOCUS und ist Kolumnist bei der Süddeutschen Zeitung.

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